• vom 30.08.2018, 15:41 Uhr

Kultur


Festival

Die Ein-Wochen-Großstadt in der Wüste




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Von Thomas Seifert

  • Diese Woche pilgern wieder mehr als 70.000 Menschen nach Nevada zum "Burning Man", dem coolsten Festival der Welt.

Radikale Selbstdarstellung: So lautet eines der Zehn Gebote des Festivals. Man sieht: Diese Prinzipien werden ernstgenommen. - © Thomas Seifert

Radikale Selbstdarstellung: So lautet eines der Zehn Gebote des Festivals. Man sieht: Diese Prinzipien werden ernstgenommen. © Thomas Seifert

Larry Harvey (gest. 2018) war der Gründer von Burning Man.

Larry Harvey (gest. 2018) war der Gründer von Burning Man.© Seifert Larry Harvey (gest. 2018) war der Gründer von Burning Man.© Seifert

Black Rock City. Es ist nach Mitternacht, und in einem gottverlassenen Winkel Nevadas ist die Hölle los. In der Black Rock Desert, einer sonst menschenleeren, abweisenden und lebensfeindlichen Wüste ist eine ephemere Zelt-Stadt mit mehr als 70.000 Einwohnern entstanden.

Alles hier ist im Cinemascope-Format, mit unendlich weitem Horizont, absolut cineastisch - die Szenerie ein Best-of-Medley aus Science-Fiction-Klassikern wie "The Matrix", "District Nine" und "Mad Max". Abertausende rote, grüne, blaue, orange, pinke und türkise LED-Lampen blinken auf Fahrrädern, Hüten, Kappen und Kleidungsstücken, Stichflammen schießen aus Science-Fiction-Flammenwerfer-Fahrzeugen. Niemand ist verwundert, wenn die Schnauze einer umgebauten Boeing 747 vorbeifährt. Ein Stimulations-Exzess der Sinne.

Skulpturen, Sand, Sonne. Die Zutaten des Festivals.

Skulpturen, Sand, Sonne. Die Zutaten des Festivals.© Seifert Skulpturen, Sand, Sonne. Die Zutaten des Festivals.© Seifert

Und über allem thront die Holzfigur eines Mannes, der am Ende der Woche in Flammen aufgehen wird. Nach dieser Holzfigur ist das Festival benannt: "Burning Man".


Psychonauten und Techies
"Welcome Home", hat es beim Eingang zum Festival-Gelände geheißen. Hier, rund 450 Kilometer nordöstlich von San Francisco entfernt, treffen diese Woche spaßsüchtige Hedonisten auf ernsthafte Wissenschafter, aus Ibiza eingeflogene DJs auf Techies aus Silicon Valley. Artisten, Psychonauten, Raver, Poeten, Yoginis, Künstler, Bohemiens und andere Freigeister treffen auf die Nerds der Tech-Subkultur, Multimilliardäre, Startup-Unternehmer, Pentagon-Strategen und US-Generäle.

Die Regeln der "Default World", der Welt hinter dem Zaun, sind für eine Woche außer Kraft gesetzt, es gibt in Black Rock City, wie der Ort im eingetrockneten Bett eines Alkali-Salzsees genannt wird, keine Geldwirtschaft, es gibt hier nichts zu kaufen außer Eisblöcke und Kaffee, ein Stromnetz ist nicht existent, ebenso wenig Fließwasser, Mobilfunksignale oder auch sonst irgendeine Infrastruktur außer der verhassten Mobil-Toiletten. Alles andere wird von vielen Freiwilligen organisiert: Die Stadt der 70.000 mitten in der Wüste funktioniert durch die Kraft der Communitys. Die größeren und kleineren Camps, in denen die Menschen leben, sorgen gemeinsam dafür, dass Black Rock City funktioniert. Die Realität des Alltags hört hier auf zu existieren.

Black Rock City, die jedes Jahr wiederkehrende Stadt ist geprägt vom Hippie-Ethos San Franciscos (wo das Festival seinen Anfang nahm), der Philosophie der Cyberpunks aus dem Silicon Valley und dem alten Pioniergeist des Wilden Westens, der in dieser entlegenen Ecke Nevadas noch lebendig ist. Eine Riesen-Sandkiste für unbekümmerte Visionäre, ein gigantischer Open-Air-Skulpturengarten (jedes Jahr werden riesige, spektakuläre Kunstwerke extra für dieses Event angefertigt), eine Arena für das Davos der Kreativen und Innovativen, aber auch für Baccanalien, die Hollywood und Las Vegas vor Neid erblassen lassen.

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Dokument erstellt am 2018-08-30 15:51:19


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