• vom 30.08.2018, 15:41 Uhr

Kultur


Festival

Die Ein-Wochen-Großstadt in der Wüste




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Kein Geld, keine Spuren
Begonnen hat alles im Jahr 1986 mit einer spontanen Party am Baker Beach in San Francisco. Der im April dieses Jahres verstorbene Larry Harvey war damals dabei und bis zu seinem Tod eine der treibenden Kräfte hinter dem Festival. Harvey war Direktor des Festivals und trug den klingenden Titel "Chief Philosophical Officer". Er war Autor der Zehn Gebote von "Burning Man": Diese "Zehn Prinzipien" besagen eben, dass auf dem Gelände Geld keine Rolle spielen soll (aus demselben Grund sind auch große Logos auf Kleidungsstücken oder Accessoires verpönt) und man alles, was man mitbringt, auch wieder mitnehmen muss (Gebot: Hinterlasse keine Spuren). Ein weiteres Prinzip lautet "radikale Inklusion", was bedeutet, dass jeder willkommen ist, und die Menschen einander mit Wärme und Empathie begegnen sollen.

Und mit dem Gebot "radikaler Selbstausdruck" ist gemeint, dass "Burning Man" nichts für Zuschauer ist, sondern jeder Teilnehmer sich aktiv einbringt. 2017 sagte Larry Harvey im "First Camp", dem Hauptquartier der "Burning Man"-Organisatoren auf dem Gelände zur "Wiener Zeitung": "Zuschauer gibt es hier nicht, jeder ist aktiv." Für Harvey war "Burning Man" ein "Showcase, dass ein anderes Leben möglich ist", wie er 2017 sagte. Die Menschen würden in Black Rock City mit alternativen Lebensentwürfen konfrontiert.

Larry Harvey war ein Kind der Gegenkultur der Bohemiens in San Francisco. Ihn interessierte das Vergängliche und doch Wiederkehrende an "Burning Man", es freute ihn, dass Urbanisten, Stadtplaner aber auch Soziologen und Anthropologen "seine" Stadt in der Wüste als lohnendes Forschungsobjekt betrachteten. "Diese Stadt ist - wie jede Stadt - wie eine Leinwand, die von den Bewohnern gestaltet wird", sagt er. Kurz vor seinem Tod nahm Harvey an der Eröffnungsgala der "Burning Man"-Ausstellung "No spectators" in der Renwick-Gallery des Smithonian in Washington teil. Die Anerkennung von Burning Man als bedeutende US-Kunstbewegung durch die etablierte Kunstwelt habe ihn mit Befriedigung erfüllt, hieß es in seinem Nachruf.

Neben der Holzstatue des "Burning Man" ist der "Tempel" das zweite dominierende Bauwerk, ein Erinnerungsort für säkulare Humanisten. Über die Woche bringen viele der Besucher Fotos oder andere Memorabilia von Verstorben hierher. Am letzten Tag des Festivals gehen diese mit dem riesigen Holzbau in einem Moment der Katharsis in Flammen auf - ein Moment der säkularen Spiritualität für Atheisten.

Für die Tech-Giganten des Silicon Valley ist "Burning Man" ein Fixpunkt im Kalender - die beiden Google-Gründer Larry Page und Sergej Brin haben den langjährigen CEO Eric Schmidt dort gecastet - nach dem Motto, wenn man "Burning Man" gemeinsam übersteht, dann kann man auch gemeinsam einen Milliardenkonzern führen - und über Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kursiert die - wahre - Legende, dass er Käsesandwiches an hungrige "Burner", wie die "Burning Man"-Teilnehmer genannt werden, verteilt hat. "Wenn man nicht bei "Burning Man" war, kann man Silicon Valley nicht verstehen", schreibt Elon Musk in "Re/Code". Die Tech-Kultur liebt das Experimentelle, das Konzept von "Burning Man" als Labor für Beta-Tests für eine neue Welt: "Ich fahre gern hierher", so Google-Gründer Larry Page. Der Grund ist einfach: "Hier kann man neue Dinge ausprobieren."

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Dokument erstellt am 2018-08-30 15:51:19


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