• vom 01.09.2018, 07:00 Uhr

Kultur

Update: 01.09.2018, 11:06 Uhr

Tag des Briefes

Liebe Leserinnen und Leser,




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Von Edwin Baumgartner

  • Ein Brief ist ein Teil von seinem Autor. Ein Brief will aufbewahrt werden.


© WZ-Illustration: Quelle: Adobe Stock/Micha Klootwijk Photography © WZ-Illustration: Quelle: Adobe Stock/Micha Klootwijk Photography

Heraus jetzt mit Papier unf Füllfeder. Oder mit dem Bleistift, dem Kugelschreiber, der Schreibmaschine. Oder meinetwegen mit Griffel und Wachstafel. Irgendetwas zur Hand nehmen, womit man schreiben kann, und zwar richtig, also auf Papier oder Wachs oder Papyrus oder auf was auch immer, nur, bitte, nicht auf Bildschirm. Gefragt ist nämlich ein Brief. Erstens, weil heute, Samstag, der internationale Tag des Briefs ist - und zweitens überhaupt.

In unserer Zeit nämlich ist Gerade in unserer Zeit ist der Brief kostbarer denn je. Der moderne Mensch schreibt Mails, und der moderne Mensch erhält Mails, und nachdem der moderne Mensch die Mail gelesen hat, beantwortet er sie, vielleicht wenigstens, und dann drückt der moderne Mensch auf "Löschen". Und weg ist sie.

Stellen wir uns vor, Schiller und Goethe hätten ebenso gehandelt: Hei, Jowo, fetziges Stück geschrieben, Apfel und so, megageil, magst lesen :-) Antwort mailwendend: Nö, Friedo, null Zeit, sitz über Pudel und Teufel;-) Antwort mailwendend: :-(

Gewiss, für Friedrich Nietzsche war der Brief ein unangemeldeter Besuch, nach dem man am besten ein Bad nehmen sollte. Halten wir es lieber mit Honoré de Bazlac Balzac, der meinte: "Ein Brief ist eine Seele. Er ist ein so treues Abbild der geliebten Stimme, die spricht, dass empfindsame Seelen ihn zu den köstlichsten Schätzen der Liebe zählen."

Ja, das ist es: Ein Brief ist ein Teil von seinem Autor. Ein Brief will aufbewahrt werden. Zum Beispiel: Früher, wenn die Liebe in Brüche gegangen ist, baten die ehemaligen Partner um die Rückgabe der Briefe - weil die eben ein Stückchen Seele waren, das man dem anderen geschenkt hatte. "med ana schwoazzn dintn owa mecht e da jetzt auf s weisse babia schreim das ma r es heazz ausdroknt is fua lauta woatn", schreibt H. C. Artmann in seinem Gedicht "med an briaf fon mia zu dia". Und heute? "Ey, und lösch meine Mails"? Die sind sowieso längst in die Gefilde der ewigen Virtualität entschwunden.

Ein Brief ist allein in seiner Entstehung etwas ganz Anderes.

Einen Brief klopft man nicht schnell in die Tasten. Zum Abfassen eines Briefs setzt man sich an den Tisch. Vielleicht ist man ganz ruhig, oder man vielleicht schäumt man vor Wut, oder man ist voll Heiterkeit. Vielleicht sucht man das Papier und das Schreibgerät aus (besseres Papier? - Schwarzer Kugelschreiber oder edle blaue Füllfeder?) und dann . . .

Noch beginnt man nicht zu schreiben. Hand auf Papier ist nicht so leicht zu löschen wie Buchstabe auf Bildschirm. Deshalb überlegt man, wie man beginnt, und dann beginnt man, und schon die ersten Worte machen aus "man" eine Person. Weil näml Hinter Mails stehen Bits, hinter Briefen Menschen.

Natürlich kann man aufzählen, welche bedeutende Briefwechsel wir haben, durch welche Briefe seit Plinius bis herauf zu Thomas Bernhard wir Auskunft über Zeiten und Menschen haben.

Aber darum soll es heute nicht gehen. Heute geht es um den Brief an sich, um den Brief um des Briefes willen, sozusagen, der aber nie nur Brief um des Briefes willen ist, sondern immer Weitergabe eines Teils von einem selbst an einen anderen. Der Brief ist ein Mittel zur Selbsterkenntnis.

Deshalb tun Sie sich heute etwas Gutes (oder versprechen Sie sich, sich dieses Gute zu tun): Schreiben Sie einen Brief. Und wenn Sie nicht wissen, an wen, dann schreiben Sie einen an sich selbst.

Ihr Edwin Baumgartner





Schlagwörter

Tag des Briefes, Brief, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-31 16:41:53
Letzte Änderung am 2018-09-01 11:06:22


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