• vom 03.09.2018, 16:31 Uhr

Kultur

Update: 05.09.2018, 12:32 Uhr

Sachbuchkritik

Der Mythos vom Anfang




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Von Wolfgang Taus

  • Stephen Greenblatt untersucht die Geschichte von Adam und Eva.

Die Geschichte von Adam und Eva, so wie sie zu Beginn des Buchs Genesis erzählt wird, hat über Jahrhunderte die Vorstellungen vom Ursprung und Schicksal der Menschen geprägt. Sie hat unsere Vorstellungen vom Paradies, von Scham und Sünde, unsere Ideen von Gut und Böse und unser Frauenbild massiv geprägt. Der US-Literaturwissenschafter und Pulitzer-Preisträger Stephen Greenblatt geht diesem mächtigsten Mythos der Menschheitsgeschichte nach und schildert nicht nur das Erbe von Adam und Eva in der christlichen Kultur seit Augustinus und Dürer. Er weist auch darauf hin, dass dieser Mythos eine existenzielle Frage berührt, die die moderne Wissenschaft nicht beantworten kann: Was es heißt, ein Mensch zu sein.

Greenblatt sieht in dem Mythos Adam und Eva eine brillante, aber fiktive Erzählung. Dennoch haben Millionen Menschen diese biblische Erzählung als unverfälschte Wahrheit angenommen - allen gewichtigen Beweisen zum Trotz, die Geologie, Paläontologie, Anthropologie und Evolutionsbiologe zu Tage befördert haben. Sie akzeptieren diese Erzählung als historisch zutreffenden Bericht vom Ursprung unseres Universums und der Menschheit seit Adam und Eva.


Die Kraft der Erzählung
So ziemlich alles, was auf die Erzählung folgte, scheint von ihrer schier unerschöpflichen Energie gezehrt zu haben, so als sei ihr Kern "radioaktiv", meint der Autor. Adam und Eva als Sinnbild der unerschöpflichen Kraft, die dem innewohnt, was Menschen erzählen. Im Judentum kam man zum Schluss, dass sich die ursprüngliche Weisung, "die Erde zu bebauen", nicht auf landwirtschaftliche Arbeit beziehe; gemeint sei das Studium der Tora, mit dem die Rabbiner den erhabensten Zweck ihres Lebens ansahen.

Im Christentum stand der Verlust des Paradieses, den Adam mit seinem Ungehorsam verschuldet hatte, im Vordergrund. Trost fanden die Christen im Glauben, ein "neuer Adam" - Jesus Christus - habe durch sein Leiden und Sterben den einst begangenen Schaden ungeschehen gemacht. Im Islam wird die Verfehlung, die zur Vertreibung führte, als Irrtum verstanden und nicht als abscheulicher Frevel. Trotz allem: Unser Traum von der "Rückkehr zur Glückseligkeit" ist mit dem Mythos von Adam und Eva engstens verbunden. Darum behält er weiterhin seine Anziehungskraft für uns Menschen bei. Lesenswert.

Sachbuch

Die Geschichte von Adam und Eva - Der mächtigste Mythos der Menschheit

Stephen Greenblatt

Siedler 2018, 448 Seiten

28,80 Euro




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-03 16:41:54
Letzte Änderung am 2018-09-05 12:32:56


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