• vom 09.09.2018, 08:00 Uhr

Kultur

Update: 09.09.2018, 08:32 Uhr

Trend

Lamas! Überall Lamas!




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Und nicht zuletzt die Modebranche hat ihre Finger im Spiel, wenn Lamahufe immer näher trippeln. Die "Vogue" brachte bereits vor drei Jahren eine Modestrecke, bei der eigentlich nur die wohlklingende Reim-Eignung von Lama und Pyjama kundig ausgenützt wurde. Die liebevolle Ausstattung der Tiere - "Vogue"-standesgemäß mit sündteuren Tüchern und allerlei Halsschmuck - deutete aber schon auf ihren aktuellen Look hin. Das Lama tritt dieser Tage nämlich vor allem im bunten Bommel-Ornat in Erscheinung. Das wiederum ist ein weiterer Hinweis auf die Genese dieses Tiertrends. Er ist nämlich, wie Experten analysieren, ein Ausläufer der Vorliebe für den seit einiger Zeit anhaltenden, südamerikanisch inspirierten Ethnostil, der allerlei Quasten, farbenfrohe peruanische Stoffmuster und immer wieder auch Frida-Kahloeske Frauengesichter in die Wohnzimmer der Lifestylebewussten gebracht hat. Und nicht zu vergessen die Kakteen - von stachelig in echt bis leuchtend in Neonröhre.

Trendforscher haben aber noch andere Begründungen für den Siegeszug des lässigen Lastentieres: Sein Gesicht bietet schließlich reichlich Identifikationsmaterial, erfüllt es doch mit seinen wachen Knopfaugen nicht nur das Kindchenschema, es sieht, wenn es nicht gerade zum Spucken ansetzt, auch aus, als würde es lächeln. Das wiederum passt zu den betont entspannten Wortspielen, die sich mit dem Lama treiben lassen: "No Drama, Llama", etwa, oder "No Prob-Llama". Dazu kommt sein spektakulärer sprungfederartiger Hops-Antrieb. Aber Lamas und Alpakas stehen noch für mehr: Sie verkörpern auch Nachhaltigkeit und Ausdauer und stehen somit für die "hippe Ökowelle".

Bodenhaftung aus den Anden statt Einhorn-Weltflucht
Das ist schon ein weiter Sprung von der Fantasiewelt, in die das Einhorn auf Zuckerwattewölkchen gelockt hat. Rein gesellschaftlich gesehen kann das Lama nur eine gute Nachricht sein. Womöglich ist es eine gewagte Schlussfolgerung, aber gerade solche Konsumphänomene zeigen vielleicht den Seelenzustand der Konsumenten gar nicht arg verschlüsselt auf. Immerhin orientieren sich die Gestalter ja am Zeitgeist. Das Einhorn stand zwar für eine "Ich bin stolz, dass ich anders bin"-Attitüde, die aber mit rosafarbenem Eskapismus einherging. Es war, in einer Zeit der unübersichtlichen und unberechenbaren Weltpolitik, die radikale Konsequenz aus der ähnlich konnotierten Alltagsflucht, die die Flamingos schon zuvor symbolisierten - nur, dass diese Tiere wenigstens tatsächlich existieren. Die Eulen davor standen hingegen für eine gewisse Bodenständigkeit, eine biedermeierliche Abenteuerlust.

Nun kann man spekulieren, dass die freche Normalität und robuste Pragmatik der Wolllieferanten aus den Anden wenn schon nicht die Weltlage verbessern, so doch den Zyklus der Weltflucht beenden. Allerdings haben Alpakas auch einen Nebenjob, der tief blicken lässt: Wegen ihres ruhigen und friedlichen Charakters werden sie auch als Therapietiere sehr geschätzt. Es soll einer geschundenen Welt aber nichts Schlimmeres passieren, als dass sie an kunterbunten Kameltieren gesundet.

Vögel, Insekten oder doch Meeresbewohner
Die Frage, die kein Lama derzeit beantworten wird, ist jedoch: Wer wird es beerben? Auf den Konsumgüterfachmessen wie der Tendence in Frankfurt kann man sich zwischen Vögeln und Insekten noch nicht so ganz entscheiden. Aufmerksame Beobachter geben aber dem Wal gute Chancen - er würde nicht nur zum anhaltenden Meerestrend und seiner entschleunigenden Wirkung passen, er würde auch den Ökologie-Schwerpunkt des Lamas majestätisch weiterführen. Wortspiele mit dem Wal sind freilich eher etwas für Englisch-Feinspitze, etwa bei "I whale always love you". Aber so allgemeinverständliche Sprachspiel-Segnungen wie das "Lama Sutra" sind halt doch auch sehr einzigartig.

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Schlagwörter

Trend, Lama, Alpaka, Einhorn, Flamingo

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Dokument erstellt am 2018-09-07 16:57:00
Letzte Änderung am 2018-09-09 08:32:18


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