• vom 12.09.2018, 08:00 Uhr

Kultur


Punkte

Punkt! .




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief





Der Punkt auf dem i hat sogar etwas Sprichwörtliches bekommen, obwohl die Prägung von einem Mathematiker stammen dürfte. Immerhin sagt man, etwas sei das "Tüpfelchen auf dem i". Da klatscht der erste mathematische Punktdefinierer, der Grieche Euklid ("ein Punkt ist etwas, das keine Teile hat"), begeistert in die Hände: Jawohl, ein Punkt, den man sieht, ist kein Punkt, sondern ein Tupfen. Reden wir in Zukunft also vom Schlusstupfen eines Satzes - oder lassen wir doch lieber die fundamentalistischen Mathematiker ganz unter sich bleiben? Dabei ist es schon interessant, dass man "ä" und "ö" und "ü" zwar eindeutig mit Punkten schreibt, aber die Punkte nicht Punkte nennt, sondern "Stricherl". So hat man es beim Schreiben in der Volksschule halt gelernt: Auf dem i sitzt ein Punkt, auf ä, ö und ü kurze

Striche.

Übrigens: Schon einmal ausprobiert, wie verwirrend die alternative Schreibung "ae", "oe" und "ue" sein kann? Außerdem will sich ein Günther ganz bewusst von einem Guenther unterscheiden und umgekehrt. Wie man ja auch den Wiener Bürgermeister von ehedem nicht auf ein gepunktetes u umschreiben und, bitte, ganz nach der Schreibung, also Lu-eger aussprechen sollte.

Überall wimmeln die Punkte herum wie die Siebenpunkte, also die Marienkäfer, an einem heißen Sommertag auf der Suche nach melkbaren Läusen: Da sind Psychologen auf der Suche nach eventuellen dunklen Punkten unserer Vergangenheit, klopfen unsere Aussagen auf Schwachpunkte ab, und am Ende finden sie wirklich unseren wunden Punkt. Und seien wir froh, wenn es nur Psychologen sind und nicht Polizisten oder Anwälte, weil wir dann ab einem gewissen Zeitpunkt eventuell ganz ungewollt im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stehen können. Ob der US-amerikanische Polarforscher Robert Edwin Peary wirklich als erster Mensch den nördlichsten Punkt der Erde erreicht hat, ist etwas umstritten, der springende Punkt ist und bleibt halt die Beweisbarkeit - beim südlichsten freilich war es eindeutig der Norweger Roald Amundsen. Sein Konkurrent, der Brite Robert Falcon Scott, ging bei dem sinnlosen Wettlauf über den point of no return, den Punkt, von dem aus es keine sinnvolle Umkehr gibt, hinaus und zugrunde. Die britische Forschungsgeschichtsschreibung sammelt seither Schlechtpunkte für Amundsen und Pluspunkte für Scott, dessen amateurhafte Planung freilich für die norwegischen Autoren einen Angriffspunkt darstellt. In der Beurteilung des Falls könnte also unter Umständen der Nationalstolz der Knackpunkt sein.

Welchen Höhepunkt einer (geistigen) Macht ein simpler Punkt haben kann, ahnte jedenfalls schon der griechische Erfinder Archimedes, als er sagte: "Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln." Aber muss man gleich so hoch greifen? Der deutsche Schriftsteller Erich Kästner sah es ironischer: "Man kann auf seinem Standpunkt stehen, aber man sollte nicht darauf sitzen", meinte der Autor von "Pünktchen und Anton".

Punkt für Punkt arbeiten wir unsere Aufgabengebiete ab. Manch einer hofft, dabei reich zu werden, und liest bei Donald Trump nach: "Der Punkt ist, dass man gar nicht gierig genug sein kann."

Weil wir gerade bei Punkten und Geld sind: Ein Punkt entscheidet möglicherweise darüber, ob man im nächsten Urlaub ein Ruderboot auf der Alten Donau mietet oder eine Mannschaft anheuert für die eben gekaufte 40-Meter-Motoryacht. Denn auf Loskugeln ist es der Punkt, der 6 und 9 auseinanderhält.

Jetzt schwirrt schon der Kopf vor lauter Punkten - und schon tönt der Ruf: "Jetzt mach’ mal einen Punkt!" Na dann.

zurück zu Seite 1




Schlagwörter

Punkte, Kulturgeschichte, Sprache

4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-11 16:24:04
Letzte Änderung am 2018-09-11 18:34:44


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Tiefe des Meeres im Krieg
  2. Mit Don Giovanni auf der Überholspur
  3. Im Inselreich der Affekte
  4. Rekordpreis für Hockney
  5. Cowboys, die Pailletten lieben
Meistkommentiert
  1. Lang lebe Europa!
  2. Rene Benko steigt bei "Krone" und "Kurier" ein
  3. Kritik an finnischem Rechts-Metal-Konzert in Wiener Club
  4. Weißes Haus verteidigt sich mit Fake-Video
  5. Schweigen im Blätterwald

Werbung





Werbung