Noch an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hieß es, Bewegung würde Frauen vermännlichen. Petra Unger, Wiener Kulturvermittlerin und Expertin in Sachen feministischer Forschung, verweist auf Lehrmeinungen, die selbst von angesehenen Wissenschaftern und Medizinern bis tief hinein ins 20. Jahrhundert vertreten wurden: Bei Frauen würde sportliche Bewegung "eine Abknickung der Gebärmutter bewirken" oder eine "Verengung des Beckens", man befürchtete Ablagerungen von Abnutzungspigmenten in den Eierstöcken. Ein Arzt namens Sellmann läuft noch 1931 bei der Frage der sportlichen Betätigung von Frauen zur Hochform der Irrlehre auf und schreibt über sportliche Betätigung von Frauen: "Die weiblichen Unterleibsorgane verwelken und das künstlich gezüchtete Mannweib ist fertig." Aber nicht nur das: Wenn Frauen Fahrrad fahren, lauert die Unzucht. Die rumpelnde Bewegung auf dem Sattel - das führt ganz zwangsläufig zur Selbstbefriedigung.

Überhaupt waren Frauen in Bewegung den Herrschenden immer unheimlich - und dabei war es weitestgehend gleichgültig, ob es eine geistige oder eine körperliche Bewegung war.

Frauen, so das überkommene Verständnis, hatten im Heim der ruhende Pol zu sein. Die griechische Philosophin Hypatia war mindestens so unbequem wie die diversen Frauenbewegungen (wir merken: Frauenbewegungen), die seit dem 19. Jahrhundert die Demokratisierung vorantreiben - begonnen spätestens bei der sogenannten "Praterschlacht" am 23. August 1848, als die kaiserliche Nationalgarde eine Demonstration der Erdarbeiterinnen und Erdarbeiter blutig niederschlug (und bei den Frauen vor allem auf den Gesichts- und Brustbereich zielte), bis hin zur ersten Demonstration für Frauenrechte in Wien am 19. März 1911 und zahlreichen weiteren Veranstaltungen und Ereignissen, die Bewegung signalisieren.

Unbequem leben

"Bewegung" bedeutet immer auch etwas neu machen, etwas neu erfahren, neu formen, neu denken. In diesem Sinn sind politische Bewegungen zu verstehen. Sowohl linke als auch rechte Kräfte, gemäßigte wie radikale, reklamieren die Bewegung für sich, denn, wie es der österreichische Dichter Erich Fried dialektisch verschmitzt ausdrückt: "Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt."

Aber: "Das Leben gehört dem Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein", sagt Johann Wolfgang von Goethe. Wechsel - das bedeutet Bewegung, wenngleich diese Bewegung vor allem einmal geistiger Natur ist.

Überhaupt, scheint es, fällt die geistige Bewegung heute vielfach schwerer als die körperliche. Wer nach einem Sonntagmorgen-Jogging nichts Besseres weiß, als in seiner Facebook-Blase zu verharren und genau die Meldungen und Meinungen für bare Münze zu nehmen, die eins zu eins der eigenen entsprechen, hat von der Gleichung Leben = Bewegung gar nichts verstanden. Das "mens sana in corpore sano"-Prinzip bedarf einer grundlegenden Neudeutung: Es geht nicht um gesunden Körper und gesunden Geist im medizinischen Sinn, sondern um den Willen, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten - ja: eben in Bewegung zu bleiben, geistig und körperlich. Misstrauen sei ausgesprochen allem, was Bequemlichkeit verspricht! Wenn man sich das Leben so bequem wie möglich einrichtet, bringt das genau null. Vorantreibt, sich das Leben so unbequem wie nur möglich einzurichten.

Zu diesen Unbequemlichkeiten gehört unter anderem, sich in Bewegung zu setzen - und wenn es nur auf kleinstem Raum ist. Nicht für jeden Weg braucht man das Auto. Manche Strecken kann man mühelos (und noch besser: mit ein klein wenig Mühe) zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Das ist völlig unabhängig von jedem Umweltschutzdenken. Man muss es ja nicht gleich übertreibend mit Goethe halten, der meinte: "Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen." Vielleicht entdeckt man dabei eine interessante Hausfassade oder einen schönen Platz in einem Park. Oder man genießt einfach die, ja: leicht anarchische Lust, in Bewegung zu sein.