"Wiener Zeitung": Der Mensch hat verlernt, Mehrdeutigkeiten auszuhalten, lautet Ihre Grundthese. Wie macht sich das bemerkbar?

Thomas Bauer: In vielen Dingen. Wenn man sich etwa den Umgangston in Sozialen Medien ansieht. Da herrscht eine unglaubliche Rechthaberei und ein Beharren auf der eigenen Position vor. Aber auch in der Politik: Wir erleben einen Niedergang der Diplomatie - vor allem von den USA verursacht, aber nicht nur. Gerade Diplomatie kommt ja ohne Akzeptanz von Mehrdeutigkeit gar nicht aus. Diplomatisch zu sein heißt ja, nicht immer das zu sagen, was man denkt, in sich also einen Widerspruch auszuhalten.

Thomas Bauer, 1961 geboren, ist Arabist und Islamwissenschafter an der Uni Münster. Sein Spezialgebiet ist unter anderem Kulturgeschichte. Beim Philosophicum Lech wird er am Freitag mit dem Tractatus-Essaypreis ausgezeichnet. - © Julia Holtkötter
Thomas Bauer, 1961 geboren, ist Arabist und Islamwissenschafter an der Uni Münster. Sein Spezialgebiet ist unter anderem Kulturgeschichte. Beim Philosophicum Lech wird er am Freitag mit dem Tractatus-Essaypreis ausgezeichnet. - © Julia Holtkötter

In vielen Lebensbereichen zeigt sich aber auch große Vielfalt - etwa in Restaurants, im persönlichen Stil, bei Büchern und Musik. Ist das nicht ein Widerspruch?

Dass in einer kapitalistischen Gesellschaft eine Vielfalt an Warenangeboten existiert, versteht sich. Aber ob es eine Bereicherung ist, wenn wir aus dreißig Sorten Shampoo oder Erdbeer-Joghurts wählen dürfen, ist fraglich.

Wir debattieren aber auch Themen wie drittes Geschlecht und schmücken uns mit Toleranz verschiedener Kulturen und Lebensentwürfe.

Diese Pluralisierungstendenzen sind teilweise historische Korrekturen. Dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, ist in den meisten Weltkulturen seit jeher akzeptiert. Da wird die Verengung, die im 19.Jahrhundert stattgefunden hat, aufgelöst. Diese strikte Zweiteilung in Mann und Frau spielt in der kapitalistischen Gesellschaft keine Rolle mehr. Ein guter Konsument kann man unabhängig von seinem Geschlecht sein.

Beim Thema Religion sehen wir: Wo Eindeutigkeit versprochen wird, vielleicht sogar fundamentalistisch oder mit Politik verknüpft, da bleibt Religion stark. Überall sonst verfallen Menschen in Gleichgültigkeit. Das ist ja auch eine Möglichkeit der Ambiguitätsbewältigung. Menschen ziehen sich auf zwei Pole zurück: den Pol der Gleichgültigkeit und den Pol des Fundamentalismus. In beiden Fällen muss man sich nicht mit Widersprüchen auseinandersetzen.

Woher kommt dieser zunehmende Drang nach Eindeutigkeit?

Im Menschen ist die Fähigkeit angelegt, Mehrdeutigkeiten auszuhalten. Aber auch die Tendenz, sie zu vermeiden. Ambivalente Gefühle empfinden wir als unangenehm. Wenn man einer Gesellschaft die Möglichkeit bietet, Ambivalenz weitgehend zu vermeiden, tendieren Menschen dazu, das anzunehmen. Das ist ein sich selbst verstärkender Prozess. Gerade in einer Gesellschaft, in der Dinge nach dem Marktwert bemessen, in eine Zahl übersetzt werden können, ist die Versuchung, Vereinfachung zu betreiben, groß. Damit wird uns Eindeutigkeit vorgegaukelt.