Erl. Jetzt steht Gustav Kuhn in Erl ganz ohne Funktionen da: Der 73-jährige österreichische Dirigent ist bei den Tiroler Festspielen nicht nur als künstlerischer Leiter, sondern nun auch als Dirigent passé - zumindest vorerst. Der Vorstand der Tiroler Festspiele Erl Gemeinnützigen Privatstiftung hat Kuhn "aufgrund der anhaltenden Diskussion und um weiteren Schaden von den Festspielen abzuhalten" von den geplanten Dirigaten entbunden. Die Beurlaubung als Intendant und Dirigent gilt "bis zur endgültigen Klärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe durch das Gericht und die Gleichbehandlungskommission", wurde erneut betont.

Kuhn werden unter anderem sexuelle Übergriffe auf Künstlerinnen vorgeworfen. Ende Juli hatte er nach anhaltendem Druck seine Funktion als künstlerischer Leiter ruhend gestellt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in dieser Causa, zudem wurde die Gleichbehandlungskommission im Bundeskanzleramt eingeschaltet. Sollte die Klärung der Vorwürfe nicht in den nächsten Monaten im Sinne Kuhns erfolgen, steht zumindest eines fest: Erstmals in der Geschichte würde eine Festivalzeit in Erl ohne den "Maestro" vonstattengehen. Denn die Wintersaison in der Unterländer Gemeinde beginnt auch heuer am 26. Dezember.

Konzerte abgesagt

Eine erste Konsequenz ist mit gleichsam sofortiger Wirkung sichtbar: Die Erntedankkonzertreihe, die von 5. bis 7. Oktober geplant war, wurde abgesagt. Von der Maßnahme unberührt bleibt die Matinee am 30. September, weil es sich bei dieser um eine rein private Benefizveranstaltung zugunsten der Concordia Gemeinnützige Privatstiftung handelt und dafür keine öffentlichen Mittel eingesetzt werden, wie seitens der Festspiele erklärt wurde.

Dass auch Kuhns Dirigierverpflichtungen ruhend zu stellen sind, war eine Forderung, die bald nach seinem Rückzug als künstlerischer Leiter erhoben wurde. Verlangt wurde dies vor allem von politischer Seite, namentlich von den Grünen, die ÖVP-Koalitionspartner in Tirol sind, und von der oppositionellen SPÖ. Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) meinte zuerst hingegen, dass sich die Frage der Dirigate "derzeit" nicht stelle.

Dass Kuhn in den Winterprogramm-Flyern der Festspiele nach wie vor als künstlerischer Leiter genannt ist, konnten die Festspiele erklären: Die Prospekte sind bereits im Frühjahr gedruckt worden. Auf der Festspielhomepage ist Kuhn nicht mehr als künstlerischer Leiter angeführt.

Kuhn war vor allem ein Ende Juli veröffentlichter offener Brief von fünf Künstlerinnen zum Verhängnis geworden, in dem diese, namentlich unterfertigt, von "anhaltendem Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen" durch den "Maestro" gesprochen hatten.