• vom 04.10.2018, 17:06 Uhr

Kultur

Update: 05.10.2018, 09:14 Uhr

Gesellschaft

Befreiung und Kahlschlag




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Von Judith Belfkih

  • Vor einem Jahr schrie die erste Frau #MeToo. Die tausenden Echos davon klingen bis heute nach, neue kommen dazu. Wo und wem die Debatte genutzt und geschadet hat. Und wie es nach der großen Empörung weitergehen kann. Eine Analyse.

- © Illustrationen: Rawpixel.com/stock.adobe.com

© Illustrationen: Rawpixel.com/stock.adobe.com

Haben Frauen mit der #MeToo-Bewegung den entscheidenden Befreiungsschrei abgesetzt, der zur überfälligen Gleichstellung der Geschlechter führen wird? Oder hat die weltweite Flut der Empörung akribische emanzipatorische Arbeit von Jahrzehnten mit einem Schlag zunichtegemacht? Sind gar die Gräben - zwischen den Geschlechtern, aber auch unter den Frauen - tiefer geworden? Ein Jahr nach ihrem Aufkommen steht die #MeToo-Debatte noch immer im grellen medialen Licht. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Anschuldigungen, Entschuldigungen oder Verurteilungen. Doch #MeToo wirft dabei längst auch einen nicht unbeachtlichen Schatten. Und auch so manche Frau verfolgt die Bewegung mit weitaus mehr Unbehagen als mit Solidarität.

Am 5. Oktober vor einem Jahr veröffentlichte die "New York Times" den ersten Artikel zu Anschuldigungen sexueller Belästigung mehrerer Frauen gegen den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein. Die später mit dem Pulitzer Preis gekrönte Berichterstattung trat die weltweite Welle von Anschuldigungen los, die sich durch viele Branchen zog und viele mächtige Männer - und auch Frauen - den Job kostete. Menschen weltweit veröffentlichten ihre Erlebnisse mit sexueller Belästigung und Gewalt. Endlich wird die drückende Mauer des Schweigens gebrochen, endlich erheben sich die Frauen gemeinsam gegen die sie unterdrückenden Männer! - lautete die Netz-Euphorie der ersten Stunde.

Gleichmacherei statt Gleichheit

Zum ungetrübten Befreiungsschlag sollte #MeToo jedoch nie werden. Die Debatte lief aus dem Ruder. Plötzlich landeten ein ungeschickter Flirtversuch und Vergewaltigung unter dem selben Hashtag zusammengespannt im selben Zusammenhang - was die Straftat ebenso bagatellisierte, wie es den gierigen Blick kriminalisierte. Wir wollen bitte weiter belästigt werden! - konterten Frauen den übers Ziel hinaus schießenden digitalen Moralaposteln, deren Forderungen nach neuen sexuellen Spielregeln in einer überregulierten erotischen Eiszeit zu gipfeln drohte. Plötzlich entpuppte sich - noch bevor ein einziger Mann sich zu Wort gemeldet hatte - die viel beschworene Frauensolidarität als ein erbittertes Gegeneinander.

Kollektiver Rückschritt - als Fortschritt gefeiert

Dass sich männliche Opfer meldeten, weibliche Täterinnen am Pranger standen und sich manche Anschuldigung als folgenschwerer Rufmord entpuppte, ließ #MeToo endgültig zum unüberschaubaren wie hitzigen Vielfrontenkrieg werden. Die Vielzahl an Schauplätzen und Facetten legte die Vermutung nahe: Es geht hier nicht (nur) um Sex. Es geht um Machtmissbrauch - mit den Mitteln der Sexualität. Doch schon diese erste Differenzierung verhallte im dröhnenden Getöse einer nach Eindeutigkeiten und damit nach klaren Schuldigen lechzenden Öffentlichkeit.




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Schlagwörter

Gesellschaft, Frauen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-04 17:15:35
Letzte Änderung am 2018-10-05 09:14:03


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