• vom 12.10.2018, 18:30 Uhr

Kultur

Update: 12.10.2018, 19:17 Uhr

Schattenarbeit

Alles muss man selber machen




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Von Viktoria Klimpfinger

  • Große Teile unserer Freizeit verbringen wir mit Tätigkeiten, für die früher jemand anderer bezahlt wurde.

1936 war es noch ein Novum, heute schüttelt man beim Motto "Bediene dich selbst" nur noch müde den Kopf.

1936 war es noch ein Novum, heute schüttelt man beim Motto "Bediene dich selbst" nur noch müde den Kopf.© Ullstein/Picturedesk 1936 war es noch ein Novum, heute schüttelt man beim Motto "Bediene dich selbst" nur noch müde den Kopf.© Ullstein/Picturedesk

Freitag, 18 Uhr, im Supermarkt. Die Warteschlange an den Kassen windet sich zurück bis zur Gemüseabteilung. Während ein Kunde beim Bezahlen noch hektisch nach seiner Kundenkarte kramt, werden schon die Ersten unruhig. Bis schließlich eine ältere Dame in hochfrequentem Schnarren fordert: "Zweite Kassa, bitte!" Was jetzt folgt, ist der obligatorische Sturm auf den zweiten Schalter, noch bevor überhaupt ein zuständiger Mitarbeiter in Sicht ist. Manch einer wechselt in solch einer Situation dann doch lieber zur Selbstbedienungskassa. Oder bestellt das nächste Mal lieber gleich von zuhause aus. Und wenn man schon dabei ist, kann man auch gleich die Bankgeschäfte erledigen, die Flüge für den nächsten Urlaub buchen und das neue Ikea-Regal zusammenbauen. So bringt man die Zeit schließlich auch zum Vergehen. Ob man die dann noch Freizeit nennen kann, ist allerdings fraglich.

Ungelenkes Spektakel
"Schattenarbeit" nennt der US-amerikanische Soziologe Craig Lambert das Phänomen, dass der Kunde in seiner Freizeit immer mehr Arbeit selbst erledigt, die früher andere verrichteten: "Zur Schattenarbeit zählen all die unbezahlten Tätigkeiten, die wir für Unternehmen und Organisationen übernehmen." Unbezahlt, darin liegt der Vorteil. Nicht für die Kunden freilich, sondern vor allem für die Unternehmen. Denn obwohl gewisse Schattenarbeiten die eine oder andere Warteschlange ersparen, gilt doch nicht immer: Wenn du willst, dass etwas richtig gemacht wird, dann mach es selbst. Sondern eher: Wenn du willst, dass etwas richtig gemacht wird, dann versuche es zuerst beim Automaten, bekomme einen kleinen Nervenzusammenbruch und lasse dir schließlich von einem Mitarbeiter helfen. Ob es nun die Selbstbedienungskassa im Supermarkt ist, die streikt, weil man versehentlich die Waren nach dem Scannen nicht auf die Waage gelegt hat, oder der Self-Check-in-Schalter am Flughafen, der partout den Reisepass nicht erkennen will - oft ist zu beobachten, wie sich Kunden im Endeffekt doch hilfesuchend an den nahestehenden Mitarbeiter wenden, der das ungelenke Spektakel beaufsichtigt.


Während die Schattenarbeit vor Ort also zumindest noch fachlich begleitet wird, ist der arbeitende Kunde im Homeoffice auf sich gestellt. Klappt die Flugbuchung über die Meta-Suchmaschine nicht, klickt man sich bei manchen Anbietern verzweifelt durch FAQs und Impressen auf der Suche nach der Hotline. Schließlich konsultiert man resignierend das Schwarmwissen der Online-Foren. "Es ist eine Strategie, nicht erreichbar zu sein", sagt Gerd-Günter Voß, emeritierter Professor für Industrie- und Techniksoziologie aus München. "Kunden werden an andere Kunden verwiesen und sollen sich untereinander helfen. Das ist ein neuer Aspekt." Diese Hilfe muss man sich aber erst einmal zusammenrecherchieren; nicht immer sind die Quellen auch zuverlässig. Und schon wurde aus einer vermeintlich bequemen Zeitersparnis eine stundenlange digitale Odyssee. Damit die Selbstbedienung in weitestem Sinn wirklich Zeitersparnis bringt, braucht der Konsument die nötigen Fähigkeiten. Es reicht längst nicht mehr, bloß die eigene Kaufkraft beizusteuern. "Das Risiko, Fehler zu machen, zum Beispiel beim Internet-Banking, ist erheblich", sagt Voß. "Man muss sich auskennen mit Banking und Technologie. Außerdem muss man die Technologie erst einmal besitzen und up to date halten." Da die Schattenarbeiter aber leider weder Gewerkschaft noch Arbeitsrecht im Rücken haben, müssen sie ihre Produktionsmittel, also vornehmlich Smartphones und Laptops, aus eigener Tasche finanzieren und in Schuss halten - und ihre Überstunden werden auch nicht ausbezahlt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-12 16:12:39
Letzte Änderung am 2018-10-12 19:17:31


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