An die Verbindung von Kabbalah und Alchemie scheint "What’s in the Rose?" von Ghiora Aharoni zu erinnern. - © Aharoni
An die Verbindung von Kabbalah und Alchemie scheint "What’s in the Rose?" von Ghiora Aharoni zu erinnern. - © Aharoni

Für die Kabbalah-Ausstellung des Jüdischen Museums müssen neue Superlative erfunden werden! Man geht durch die Schau mit ihren Bildern und Pergamenten, ihren Skulpturen und Schmuckstücken - und am Ende hat man gar nichts verstanden und dennoch ein Gefühl bekommen, einen Moment des nebelhaften Erkennens erlebt, was die Kabbalah vielleicht ist.

Kaum ein esoterisches System umgibt so sehr dunkle Ahnung wie die Kabbalah. Da ist irgendetwas mit einem Weg der Erleuchtung, mit der Deutung von Buchstaben und Zahlen (oft in ausgeklügelten Permutationen), es geht um Dämonen und göttliches Wissen, um die Versenkung in den Tanach und seine uralten Auslegungen. Und hat nicht auch der Golem mit der Kabbalah zu tun? Rabbi Löw soll den Lehmmenschen mit kabbalistischer Mystik zum Leben erweckt haben, geschehen in Prag, wo die Beschäftigung mit der Kabbalah nicht nur im Judentum verbreitet war, sondern nicht zuletzt auch unter den Alchimisten.

Zeichen in der himmlischen Aura

Was die Kabbalah im Grunde ist? - Die Schau versucht weniger eine Erklärung, die aufgrund der Menge des Materials und der unterschiedlichen Ansätze fehlschlagen würde, als eine überblickhafte Darstellung: Jüdische Mystik, herausgebildet im Mittelalter, aber beruhend auf viel älteren Überlieferungen und Quellen. Es gibt kein geschlossenes kabbalistisches System, lediglich gemeinsame Wurzeln. Die wichtigsten sind das Sefer Jetzira, eine mystische kosmologische Abhandlung, die sich zum Tanach in etwa so verhält wie die Gnosis zur Bibel und der Zohar, der Tora-Kommentare, Parabeln, philosophische Dialoge und Meditationen über das Wesen Gottes enthält. "Am Anfang, als der Wille des Königs zu wirken begann, grub er Zeichen in die himmlische Aura", heißt es im Zohar.

Ursprünglich war das kabbalistische Wissen nur Eingeweihten zugänglich, die sich ihrerseits wiederum an unterschiedliche kabbalistische Schulen mit voneinander abweichenden Lehren orientierten. Sie wirkten über das Judentum hinaus - so entstand etwa auch eine christliche Kabbalah, die eine der Grundlagen des Rosenkreuzertums ist und auch mystische Systeme beeinflusste wie das des Satanisten Aleister Crowley. Viele der Schulen haben sich bis heute erhalten.

Was die Ausstellung und der fabelhafte begleitende Katalog ganz eindeutig nicht wollen, sind Rechtssprüche, welche Kabbalah-Schule die richtige ist. Vielmehr wollen die Kuratoren Domagoj Akrap, Judaist und Slawist an der Universität Wien, und Klaus Davidowicz, Judaist an der Universität Wien, zeigen, welche Ausformungen der Kabbalah es gibt - und vor allem: Wie sie bis in unsere Gegenwart wirkt.

Immerhin haben Pop-Ikonen wie Madonna, David und Victoria Beckham, David Bowie oder Demi Moore die Kabbalah zu einer Art Religion erhoben und sie damit in die Pop-Kultur integriert. Das rote Armbändchen signalisiert den Glauben an die Kabbalah.

Schönheit und dunkle Ahnung

Kabbalah - das bedeutet heute aber auch New Age und seine Ausläufer. Was der eigentliche Motor der Schau ist: Zu zeigen, wie die Kabbalah auf die Gegenwart Einfluss nimmt. Das Alte wird dem Neuen gegenübergestellt, es gilt, die Zeichen zu lesen.

Und so stellt die Schau alte Texte, Amulette und kabbalistische Darstellungen neuer Kunst gegenüber, die kabbalistisch gezeugt ist oder kabbalistisch gelesen werden will: Anselm Kiefer und Ernst Fuchs sind vertreten, Harry Fuchs und das beeindruckende Objekt "What’s in the Rose?" von Ghiora Aharoni kontrastieren mit den Buchillustrationen und Handschriften. Leonard Nimoy, "Mr. Spock" aus "Star Trek", ist mit Fotoarbeiten vertreten und Michael Berkowitz mit einem "Warrior of God", der religiöses Schaudern erweckt.

Der letzte Raum nimmt den Atem: Eine mehrere Meter lange mystische Schrift führt zu Dan Reisners Skulptur "Uplifting": Die Kabbalah ist nicht erklärt, sie behält die Aura des faszinierenden Mysteriums. Vielleicht ist es gerade die Verbindung von Schönheit und dunkler Ahnung, die diese Schau in den Rang des Außerordentlichen erhebt.