Neues Tief im Niveaulimbo

In den Sozialen Medien entwickelt sich auch das weiter: In letzter Zeit entbrannten etwa Diskussionen, ob es notwendig ist, sich bei Begräbnissen zu fotografieren oder bei Besuchen von Konzentrationslagern. Manche empfinden das als neues Tief im Niveaulimbo der Fotoblogs. Andere argumentieren, dass in einer Zeit der permanenten Internetpräsenz alle Emotionen auch dort und in der entsprechenden Form stattfinden: also auch Trauer. Selbst bei den Selfies vor der Pforte eines Konzentrationslagers gehen die Meinungen auseinander. Die einen verurteilen diese Geschmacklosigkeit, andere nützen die Chance, aufzulisten, welche Stichwörter man besser nicht zu diesem Foto dazuschreibt. Die Kombination #feelgood" und #ZyklonB ist da wohl unübertroffen an unüberlegtem Zynismus.

"Bin ich hübsch?"

Im Zuge der Ehre, englisches Wort des Jahres zu werden, haben sich diese Woche auch weitere Diskursfelder geöffnet. Da gibt es etwa den feministischen Aspekt. Auf dem immer scharf formulierenden Blog "Jezebel" wurde ein Artikel zerpflückt, der Selfies dafür feierte, dass junge Frauen damit ihr Selbstbewusstsein in die Öffentlichkeit tragen und sich selbst so stolz zeigen, wie man es von Männern gewöhnt ist. Erin Gloria Ryan hielt dem auf "Jezebel" entgegen, dass es sich meistens keineswegs um Fotos von starken Frauen, die eine eigene Leistung propagieren, handelt, sondern doch eher häufiger um junge, unsichere Frauen, die einen neuen Lippenstift haben und auf den Sozialen Medien nur die Bestätigung auf die Frage erhoffen: "Bin ich hübsch?"

Das wiederum widerspricht der allgemeinen Meinung, dass diese Selbstporträt-Flut Ausdruck eines neuen überbordenden Narzissmus ist. Viel beunruhigender ist doch aber die Frage: Warum müssen wir dauernd per Bildbeweis belegen, dass wir da sind, dass es uns gibt? Warum reicht das bloße Sein nicht mehr?

Bis es Antworten auf diese Fragen gibt, wird sich noch so mancher Rapper munter vor der Mona Lisa fotografieren. Eminems Kollege P. Diddy ist auf den Trend schon aufgesprungen. Die nehmen ihren Kulturauftrag eben noch ernst.