Wer wird‘s? Die Berliner Philharmoniker sind auf der Suche, wer von Simon Rattle (M.) den Stab übernehmen könnte (von oben links im Uhrzeigersinn): Mariss Jansons, Kirill Petrenko, Daniel Barenboim, Gustavo Dudamel, Christian Thielemann und Andris Nelsons.
Wer wird‘s? Die Berliner Philharmoniker sind auf der Suche, wer von Simon Rattle (M.) den Stab übernehmen könnte (von oben links im Uhrzeigersinn): Mariss Jansons, Kirill Petrenko, Daniel Barenboim, Gustavo Dudamel, Christian Thielemann und Andris Nelsons.

Berlin. Zwangsehen auf Lebenszeit können die Hölle sein. Bei Lebensabschnittspartnerschaften wiederum stellt sich unweigerlich die Frage, wer die oder Nächste sein wird. Die Berliner Philharmoniker können von beidem - nun: vielleicht nicht ein Lied singen, aber wohl eine Symphonie mit allen schönen Momenten und allen krachenden Höhepunkten spielen.

Seit der Ehe mit Herbert von Karajan kommt für das deutsche Paradeorchester eine solche auf Lebenszeit angelegte Beziehung nicht mehr infrage. Karajan vollzog 1989 die Scheidung aus vorgeblichen finanziellen Gründen, aber da erinnerte die Ehe längst eher an "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" als an die "Waltons".

Mit Claudio Abbado probierte das Orchester dann erstmals die Lebensabschnittspartnerschaft (1989-2002). Das funktionierte so, dass man auch mit seinem Nachfolger Simon Rattle eine solche aushandelte - und auf einen Partner traf, der selbst nichts anderes anstrebte.

Demokratische Wahl

Es war dennoch ein Schock, als der Brite am 10. Jänner 2013 ankündigte, mit Ablauf seines Vertrages im Jahr 2018 den Posten des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker niederzulegen. Aus Altersgründen, wie es heißt. Als ob 63 Jahre für einen Musiker ein Rückzugsalter wären!

Aber Rattle lässt kein Rütteln daran zu: Es wird eine Zeit n. R. geben. Nach knapp zweijähriger Verdrängung des unweigerlich Bevorstehenden soll nun das Orchester im ersten Viertel des nächsten Jahres seinen neuen Chef wählen. Das geht ganz demokratisch ohne politische Einflussnahme vonstatten, was unter Umständen der Senatskanzlei, wo seit 2006 die Kulturagenden der deutschen Hauptstadt ressortieren, unter Umständen auch unliebsam sein kann. Denn dort möchte man natürlich Berlin mit einem großen Namen geschmückt sehen, hinter dem aber auch noch am besten eine pflegeleichte Persönlichkeit stehen soll.

Mit Mariss Jansons etwa käme man stadtlicherseits zweifellos gut aus, Skandale gebaut oder lautstarke Abgänge inszeniert hat der hochbegabte Lette noch nie. Aber er ist herzkrank und wäre 2018 obendrein 75 Jahre alt. Ein Chefdirigentenposten als Geschenk zum halbrunden Geburtstag? - Dass sich die Berliner Philharmoniker, so sehr sie Jansons künstlerische Kompetenz schätzen, darauf einlassen, gilt als unwahrscheinlich.

Wohin geht das Orchester?