Böse Vorahnungen hatte Arnold Böcklin, als er 1896 "Der Krieg" malte. - © Kunsthaus Zürich
Böse Vorahnungen hatte Arnold Böcklin, als er 1896 "Der Krieg" malte. - © Kunsthaus Zürich

Wien. "Formeln aus dem Arsenal des Sozialdarwinismus und der Nietzsche’schen Philosophie gehörten (...) in den höheren Sphären von Politik und Gesellschaft zur allgemeinen Weltanschauung. Aufgrund ihrer antidemokratischen, elitären und militanten Tendenz eigneten sie sich vorzüglich als ideologische Hilfsmittel, mit denen die unbeugsam rückwärts gewandten Elemente der herrschenden und regierenden Klassen ihren tiefwurzelnden und stets regen Antiliberalismus (...) gleichsam erheben, intellektualisieren konnten."

So beschrieb der Historiker
Arno Mayer die Epoche des "Fin de Siècle" ("Ende des Jahrhunderts"), die sich von 1890 bis zirka 1918 zog.

Diese Beschreibung passt erstaunlich exakt ins Jahr 2015. "Wenn das eure Vorstellung von Europa ist, dann können wir es lassen", rief Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi seinen 27 Kollegen beim EU-Gipfel am 25. Juni 2015 wütend zu. Es ging um Flüchtlinge, denn die Regierungschefs wollten sich nicht auf eine verbindliche Quote zur Verteilung der in Europa Schutzsuchenden festlegen. In der EU leben 500 Millionen Menschen, bei der Debatte in Brüssel ging es um 60.000 Flüchtlinge.

Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras antwortete am selben Abend auf die Vorhaltung
von EU-Ratspräsident Donald Tusk, das Spiel sei vorbei: "Das ist kein Spiel. 1,5 Millionen Arbeitslose, drei Millionen Arme und tausende Familien ohne Einkommen, die von der Rente ihrer Großeltern leben. Unterschätze nicht, wozu ein gedemütigtes Volk fähig ist. Künftige Historiker würden nicht verstehen, dass wir mit unserem Vorschlag zu keiner Einigung kamen."

Demokratie bedeutet, andere Meinungen zu akzeptieren

Schnitt. Wien. Am Tag davor trafen sich im Bundeskanzleramt die Spitzen der Regierung und Landeshauptleute. Auch sie berieten zum Thema Flüchtlingsunterbringung. Am Ende standen die Landeshauptleute auf und verweigerten jegliche Zugeständnisse. Vergleichbares spielt sich gerade in der Bildungspolitik ab.

Die Vorfälle haben eines gemeinsam - die Weigerung, einen Kompromiss einzugehen, sprich: sich von niemand was vorschreiben zu lassen. Das ist demokratiepolitisch unerhört. Der Satz eines gewählten Politikers, sich von niemand etwas vorschreiben zu lassen, führt Wahlen ad absurdum. Friedrich Nietzsches "Übermensch" als Sinnbild des Fin de Siècle lässt grüßen.

Wie vor Beginn des 20. Jahrhunderts macht sich Unsicherheit breit - in so gut wie allen gesellschaftlichen Schichten. Russlands Aggression gegen die Ukraine und die martialische Reaktion der Nato nährt die Angst vor einem Krieg. Die Griechenland-Debatte nährt materielle Unsicherheit.
Immerhin steht die gemeinsame Währung Euro dabei im Mittelpunkt. Neue Entwicklungen wie "Industrie 4.0" befeuern die Angst, dass Automaten menschliche Arbeitskraft millionenfach ersetzen. Terror und Klimawandel reduzieren unsere Lust, die Welt zu entdecken. Als Ersatz dient neuerlich seelische Innenschau.

Eine "Fin de Siècle"-Stimmung macht sich breit, Endzeitstimmung und Neugier beäugen sich misstrauisch. Politische Syste-
me, mühsam nach 1945 aufgebaut, erweisen sich als unbrauchbar. Doch was wird an ihre Stelle treten?

Es gibt darauf nicht keine Antwort, sondern sehr viele Antworten. Durchgesetzt hat sich noch keine. In der politischen Strategie hat die FPÖ mit dem Slogan der "sozialen Heimatpartei" die Stimmung erkannt. Die Herrschenden beweisen durch ihre Reaktionen, dass sie keine Ahnung haben, was zu tun wäre. Die Kunst entfernt sich vom Politischen. "Blaubarts Burg", eine der besten Inszenierungen der diesjährigen Wiener Festwochen, war dafür beispielhaft. Der kraftvollen Musik Béla Bartóks stehen am Ende Schumanns "Geistervariationen" gegenüber. Der Kontrast könnte nicht größer und skurriler sein.

Damals endete der Umbruch
im Großen Krieg

So geht es der Gesellschaft auch, ähnlich ist es ihr im ausgehenden 19. Jahrhundert gegangen, als der Begriff "Fin de Siècle" geprägt wurde. Auch damals gab es tiefe Umbrüche - politische und industrielle Revolutionen, begleitet von philosophischen und künstlerischen. Damals kulminierte der große Kontrast im Großen Krieg 1914, der in der Folge in Europa Faschisten und in Deutschland die Nazis an die Macht spülte. Auch heute stehen extreme Parteien in der Wählergunst bei zirka 30 Prozent. Hitler wurde seinerzeit mit 33 Prozent gewählt...

Wegbereiter damals waren - neben der Weltwirtschaftskrise - philosophische Gedanken wie Nietzsches "Wille zur Macht". "... Diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens . . . dies mein Jenseits von Gut und Böse, ohne Ziel, wenn nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt . . . Wollt ihr einen Namen für diese Welt? . . . Ein Licht für euch, ihr Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? . . . Diese Welt ist der Wille zur Macht - und nichts außerdem! Und auch ihr seid dieser Wille zur Macht - und nichts außerdem!" Damit exkulpierte Nietzsche all jene, die aus der Geschichte nichts lernen mochten oder konnten.