• vom 13.10.2011, 00:00 Uhr

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Update: 23.11.2015, 02:57 Uhr

Museumsstücke

Ein kaiserzeitlicher Hippie mit Visionen




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Von Johann Werfring

  • Nach dem Erfolg in der Münchner Villa Stuck ist die Ausstellung über Karl Wilhelm Diefenbach noch kurze Zeit in der Wiener Hermesvilla zu sehen.

Theatralische Präsentation des Gemäldes "Erlösung" von Karl Wilhelm Diefenbach bei einer Einzelausstellung im Philipphof in der Wiener Innenstadt.

Theatralische Präsentation des Gemäldes "Erlösung" von Karl Wilhelm Diefenbach bei einer Einzelausstellung im Philipphof in der Wiener Innenstadt.© Wien Museum Theatralische Präsentation des Gemäldes "Erlösung" von Karl Wilhelm Diefenbach bei einer Einzelausstellung im Philipphof in der Wiener Innenstadt.© Wien Museum

Kurz vor Weihnachten des Jahres 1891 tauchte in Wien ein 40-jähriger Mann auf, der alleine schon durch sein Äußeres und seinen Habitus gehörig "aus der Reihe tanzte", wie man hierzulande so schön zu sagen pflegt. Karl Wilhelm Diefenbach, der zuvor 20 Jahre lang als Künstler in München gelebt hatte, war ein Kämpfer für den Pazifismus und predigte den strikten Vegetarismus. Die Ausstrahlung dieses kaiserzeitlichen Hippie muss beachtlich gewesen sein: Gerhard Hauptmann ließ sich durch ihn zu seiner 1890 entstandenen Erzählung "Der Apostel" anregen.

Information

Der Prophet.
Die Welt des Karl Wilhelm Diefenbach
Wien Museum Hermesvilla
1130 Wien, Lainzer Tiergarten,
Hermesstraße, Eingang Lainzer Tor
Di bis So und Feiertag 10–18 Uhr
bis 26. Oktober 2011
Tel. 01/804 13 24
www.wienmuseum.at


In München war Diefenbach 1891 in ein finanzielles Desaster geschlittert. In dieser Situation entschloss er sich, der Einladung des Direktors des Österreichischen Kunstvereins Moritz Terke nach Wien zu folgen. Diefenbachs Auftrag bestand darin, dem vom Bankrott bedrohten Kunstverein und seinem Direktor "schnellstens zu Sensationsgemälden" zu verhelfen.

Der Geschmack des Wiener Publikums

Wenn ein Künstler in Nöten ist, hat er auch Unangenehmes auf sich zu nehmen. So musste sich der sensible Meister von Terke die Kritik gefallen lassen, dass auf seinen Bildern "zu wenig drauf" sei. Das Wiener Publikum verlange für sein Eintrittsgeld Detailausführungen der Bilder, und zwar "viel Detail". "Sie sind ein genialer Künstler und Philosoph, aber Frauen- und Mädchenschönheiten und -reize können Sie nicht malen; aber gerade das müssen Sie lernen und auf Ihren jetzt zu malenden Bildern fertig bringen, wenn Sie in Wien Anklang finden wollen", erklärte ihm Terke unverblümt.

Karl Wilhelm Diefenbach (1851 bis 1913), 1886.

Karl Wilhelm Diefenbach (1851 bis 1913), 1886.© Archiv der Spaun-Stiftung, Seewalchen Karl Wilhelm Diefenbach (1851 bis 1913), 1886.© Archiv der Spaun-Stiftung, Seewalchen

Tatsächlich gelang es Diefenbach, die Forderungen so zu erfüllen, dass die im Februar 1892 eröffnete Ausstellung ein voller Erfolg wurde. Indes manövrierte er sich durch dieses Engagement noch weiter ins finanzielle Abseits, da sich herausstellte, dass Terke einen Teil der Gelder veruntreut hatte und die wertvollsten Bilder verloren waren.

Höchst erfreulich war für Diefenbach 1895 eine Einzelausstellung im Philipphof in der Wiener Innenstadt. Das einzige dort präsentierte Gemälde "Erlösung" hatte der Künstler derart eindrucksvoll inszeniert, dass bereits am Eröffnungstag 1500 Besucher in die Ausstellung strömten. Motiv ist ein sterbender Knabe, der auf seiner Geige die letzten Töne erklingen lässt. Der Engel im Vordergrund schließt ihn sanft in die Arme. Ein blumengeschmückter Sarg im abgedunkelten Ausstellungsraum erhöhte die Wirkung.

Diefenbach logierte sodann in einem ehemaligen kaiserlichen Jagdschlössel im Wiener Prater und gründete hernach eine Kommune am "Himmelhof" in Ober-St.Veit. Nachdem sich zunächst eine "Ehrenvereinigung zur Rettung Diefenbachs" um ihn gekümmert hatte, musste der begabte Künstler im Jahr 1898 verarmt und gescholten Wien wieder den Rücken kehren.

***
Begleitbuch zur Ausstellung:
Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913). Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen! 240 Seiten, 190 Abbildungen, davon 109 in Farbe, Edition Minerva, München 2009. Preis: 28 Euro.

Artikel erschienen am 13. Oktober 2011
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




Schlagwörter

Museumsstücke, Ausstellung

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-10-10 22:59:09
Letzte Änderung am 2015-11-23 02:57:46


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