• vom 03.11.2011, 17:00 Uhr

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Update: 21.03.2015, 01:48 Uhr

Museumsstücke

Die "wunderbare" Heilkraft der Erde




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Von Johann Werfring

  • Eine Ausstellung in Groß-Schweinbarth befasst sich einfühlsam mit der von Religion und Aberglaube geprägten Bauernmentalität von anno dazumal.

Breverl mit religiösen Texten, Amulett-Agglomerat und Schabmadonna, 18. Jh. - © Foto: Johann Werfring

Breverl mit religiösen Texten, Amulett-Agglomerat und Schabmadonna, 18. Jh. © Foto: Johann Werfring

Breverl mit Heiligendarstellungen und Madonnenschabfigur, 18. Jh.

Breverl mit Heiligendarstellungen und Madonnenschabfigur, 18. Jh.© Foto: Johann Werfring Breverl mit Heiligendarstellungen und Madonnenschabfigur, 18. Jh.© Foto: Johann Werfring

Von katholischen Klöstern wurden immer schon Produkte und Prozeduren angeboten, die dem gottesfürchtigen Volk Labsal und Erquickung verschaffen sollten. So gibt es bis heute eine Reihe von Klöstern, die sich auf die Herstellung von wohltuenden Kräuterlikören verstehen. Andere verhelfen mit Kneippkuren zum Einklang von Körper, Geist und Seele . . .

Früher einmal erzeugten bayrische und österreichische Klöster sogenannte Breverln (= "Brieferln" respektive Briefchen) mit aus heutiger Sicht kurios anmutendem Inhalt. Die Breverln sollten nicht nur der Gesundheit dienen, sondern auch Schutz vor Hexen und Dämonen bieten. Insbesondere an Wallfahrtsorten gab es Breverln in mannigfaltigen Ausführungen zu kaufen.

Information

Die geheimen Kräfte der Erde
Nö. Museum für Volkskultur
2221 Groß-Schweinbarth, Hauptstraße 15
Di bis So, 9–17 Uhr
bis 15. November 2011
Tel. 02289/26 87 bzw. 02289/23 02
www.gross-schweinbarth.at


Manche Klöster erzielten aus dem Verkauf solcher Breverln bemerkenswerte Einnahmen. Bedruckt waren diese oft mit religiösen Texten wie Gebeten und Segenssprüchen oder mit Darstellungen von Heiligen. Die der Breverlaufbewahrung dienlichen Etuis waren bisweilen einfach gestaltet, es gab aber auch regelrechte Luxusausführungen, etwa mit Metallstickereien aus Silber- oder Goldfäden.

Übernatürliche Wirkmacht

Öffnete man die kunstvoll gefalteten Breverln, so wurde man mitunter einer erstaunlichen Ansammlung "wundervoller" Dinge ansichtig. Neben Kreuzchen, Steinchen, wundersamen Münzen und Sebastianpfeilchen gab es zauberische Korallen und Schluckbildchen sowie Esszettel, von deren Verzehr man sich im Krankheitsfall Linderung und Rekonvaleszenz versprach.

Im Zentrum von Breverln befand sich oft eine Schabfigur. Meist handelte es sich um kleine Skulpturen von Heiligen oder der Muttergottes. Solchen Schabfiguren – vor allem Schabmadonnen (bei denen es sich um kleine Abbilder von Gnadenmadonnen aus Wallfahrtsorten handelte) – wurde eine übernatürliche Wirkmacht zugeschrieben. Auch sie waren meist von Nonnen- oder Mönchshänden gefertigt. Dem Ton solcher Figuren sollen angeblich Erde und Mörtel aus Gnadenkapellen sowie Reliquienpartikel von Heiligen beigemengt gewesen sein.

Schabmadonnenstaub als Heilmittel

Um Gesundheit zu erlangen, wurde von den Figuren mit einem Messer eine kleine Quantität Pulver abgeschabt und über das Essen gestreut oder mit Getränken vermischt. Auch Tiere behandelte man im Krankheitsfall mit Schabmadonnenpulver.

Verschiedentlich versuchte die Kirche gegen solche als Aberglaube empfundene Praktiken vorzugehen, jedoch ohne Erfolg. Schon von alters her hatten nämlich Gläubige auf mystische Heilerden vertraut. Beispielsweise tranken bereits mittelalterliche Wallfahrer, die in die französische Stadt Tours gekommen waren, Wein, der mit Staub vom Grab des heiligen Martin vermischt worden war, um von Darmkrankheiten geheilt zu werden.

Schabmadonnen und Schabfiguren von Heiligen sind hierzulande mit der Habsburgermonarchie untergegangen und heute nur noch in einschlägigen Sammlungen – etwa im Krahuletz-Museum Eggenburg (NÖ) – erhalten. In manchen Ländern Lateinamerikas sind diese aber noch immer in Gebrauch.

Artikel erschienen am 3. November 2011
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-10-28 21:44:08
Letzte Änderung am 2015-03-21 01:48:59


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