• vom 08.07.2010, 00:00 Uhr

Museum

Update: 03.10.2016, 17:51 Uhr

Museumsstücke

Eine Wirkstätte der Arbeiteraristokratie




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Von Johann Werfring

  • Das "Museum Walzengravieranstalt Guntramsdorf" bietet in einer originalen Produktionshalle von anno dazumal Einblicke in die Arbeitswelt der Graveure.

Die Gravur der Walzen erforderte Begabung und hohes handwerkliches Geschick. - © Foto: Johann Werfring

Die Gravur der Walzen erforderte Begabung und hohes handwerkliches Geschick. © Foto: Johann Werfring

Alleine schon ein kurzer Blick in die Produktionshalle der ehemaligen Walzengravieranstalt Guntramsdorf evoziert einen Sinneseindruck, den man wohl ein Leben lang in Erinnerung behalten wird. Eine Vielzahl von ledernen Keilriemen, die von einer zentralen Transmissionsanlage angetrieben werden, ist mit derselben Zahl an Maschinenrädern verbunden. Inmitten der zahlreichen Maschinen kann man förmlich hautnah die guten Geister erspüren, die hier jahrzehntelang ihr Wirken entfaltet haben.

Es war ein Glücksfall, dass die im Jahr 1986 stillgelegte Walzengravieranstalt Guntramsdorf, südlich von Wien, gerettet und als Museum adaptiert werden konnte. Bereits um 1900 hatte es in Guntramsdorf eine Walzengravieranstalt gegeben. 1911 wurde diese von Johann Endler übernommen. Endler stammte aus Nordböhmen, wo sich damals ein Zentrum der Graveurkunst etabliert hatte. 1914 erbaute er einen neuen Betrieb am heutigen Standort in der Guntramsdorfer Steinfeldgasse.

Information

Museum Walzengravieranstalt Guntramsdorf
2353 Guntramsdorf, Steinfeldgasse 4
Sa 1418 Uhr (jeweils Anfang April bis Ende Oktober)
Ein Besuch ist nur mit Führung möglich; Führungen zu jeder vollen Stunde
Tel. 0699/174 70 706
www.walzengravieranstalt.at

Der Eliteberuf der Graveure

Bis zu 20 Personen arbeiteten in "guten Zeiten" in der Walzengravieranstalt, ehe sie 1986 aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen werden musste. Das Aufkommen der Fotogravur sowie der verstärkte Einsatz von Laserstrahltechnik hat die Kunst der Graveure (die von der wissenschaftlichen Betreuerin des Museums, Andrea Komlosy, gemeinsam mit den Druckern zur "Arbeiteraristokratie" gezählt werden) mittlerweile obsolet gemacht.

Mit der "Molettiermaschine" erfolgte die Endfertigung der Walzen.

Mit der "Molettiermaschine" erfolgte die Endfertigung der Walzen.© Foto: Johann Werfring Mit der "Molettiermaschine" erfolgte die Endfertigung der Walzen.© Foto: Johann Werfring

Die Graveure übten ihren Eliteberuf in der Walzenproduktionshalle vorwiegend vor den Fenstern aus, während die Hilfsarbeitskräfte im Inneren des Raumes an den Maschinen manipulierten. Hergestellt wurden Walzen zum Bedrucken von Stoffen, Leder, Glas, Karton, von diversen Spezialpapieren (wie Zigarren-, Zigaretten- und Zuckerlpapier) sowie von allerlei anderen Materialien.

Das Erfordernis hoher Präzision

Es ist ein großes Erlebnis, die einzelnen Arbeitsschritte der Walzengravur im Rahmen der Führung nachzuvollziehen. Jeder einzelne (unter der Lupe durchgeführte) Arbeitsgang erforderte Präzision. Zunächst wurde die Zeichnung mit dem vom Kunden gewünschten Muster auf Transparentpapier abgepaust. In späteren Arbeitsgängen wurde die gepauste Musterzeichnung exakt auf einen kleinen Stahlzylinder ("Molette") übertragen. Bearbeitet wurde die Molette händisch mit dem "Stichel".

Nach Fertigstellung der "Muttermolette" wurde eine "Reliefmolette" angefertigt. Erst nach all diesen aufwändigen Prozeduren konnte auf der "Molettiermaschine" die Endfertigung der Druckwalze (diese war bis zu zwei Meter lang) vorgenommen werden. Die hohe Präzision war bei allen Arbeitsschritten deshalb erforderlich, weil schon geringe Ungenauigkeit die Arbeit von mehreren Tagen zunichte gemacht hätte.

Artikel erschienen am 8. Juli 2010
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7





Schlagwörter

Museumsstücke, Guntramsdorf

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-07-07 16:20:25
Letzte Änderung am 2016-10-03 17:51:14


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