• vom 28.02.2012, 15:42 Uhr

Museum

Update: 28.02.2012, 16:09 Uhr

Sixties Design

Nur die Bandscheibe leidet




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Hofmobiliendepot Möbel Museum Wien: erste umfassende Schau zum Sixties Design

Lässiger Lümmeln: "Phantasy Landscape" von Verner Panton, 1970

Lässiger Lümmeln: "Phantasy Landscape" von Verner Panton, 1970 Lässiger Lümmeln: "Phantasy Landscape" von Verner Panton, 1970

Um Bequemlichkeit ging es beim Möbeldesign der sechziger Jahre nicht, eher schon um die Inszenierung einer gewissen Lässigkeit. Neue Materialien wurden seinerzeit verwendet, wie Plastik, Schaumstoff und Kunstharze. Bunt bis schrill, vom Weltraumflug der Nasa inspiriert und zur "Spheromania" gesteigert, verbinden sich neben Kugeln auch weiche "Unformen" mit den psychedelischen Mustern der Kleider, Vorhänge und Tapeten. Selbst Plattencover, Lampen und neue Radio- und Fernsehgeräte haben die Farbigkeit und die wilden Linienflüsse angenommen. Das neue Design musste experimentell sein, originell und emotional, und das Sinnliche ansprechen. Davon kann man sich in der ersten umfassenden Ausstellung zum Sixties Design im Hofmobiliendepot überzeugen.

Information

Ausstellung
Sixties Design
Möbel Museum bis 17. Juni


Traum der Hippies
Trotz der großen geometrischen Sachlichkeit der vom Dreißigjahrdesign geprägten Nachkriegszeit, gehen selbst Johannes Spalt oder Eero Saarinen mit ihren Sitzmöbeln bereits als Grenzfälle zur neuen Zeit durch. Besonders "Tulip" von Saarinen für die Firma Knoll nimmt 1956 viele schwungvolle Modelle eines Verner Panton um mehr als zehn Jahre vorweg. Die Wohnlandschaft und der Sitzsack sind Erfindungen der Sixties, bezogen mit künstlichen Fellen oder glänzend silberner Polsterung. Ohne Monumentalität, antiformalistisch, und sich jedem Körper individuell anpassend, sollte "Sacco" sein. Dazu passen die neoorganischen Tendenzen eines Lehnsessels wie "Tongue", der in rosa und gelb auch ein Traum der Hippiegeneration wurde. Interessant an den teils als "Throw-away" 1965 preiswert und nur für kurze Zeit gestalteten Fauteuils und Liegespielwiesen ist der enorme Platzanspruch - Stadtwohnungen und Häuser am Land waren noch erschwinglich und die sexuelle Revolution prägte die unkonventionellen Lebenswelten mit.

In Wien setzte die kleine Kulturrevolution etwas zeitverzögert um 1968 ein. Doch nur eine kleine Gruppe von Avantgardisten befasste sich mit dem neuen Design. Italien und England waren die Länder, in denen der "Space Age Look" besonders erfolgreich war, doch auch hierzulande begann die Gruppe utopischer Architekten um die Galerie nächst St. Stephan mit Hans Hollein und Walter Pichler teils aufblasbares Design zu erzeugen - als tragbare Büros oder Fernsehzimmer gingen auch helmartige Gebilde durch.

Frauenfeindliches Pop-Design wie die Glasplatten auf Schaufensterpuppen in kniender und hockender Pose von Pop-Künstler Allen Jones, sind nur als Poster an der Wand zu sehen, waren aber damals durchaus "in". Die Vergleiche der Exponate bieten komplizierte handgefertigte Einzelstücke wie den Stuhl "Floris" von Günter Beltzig aus dem Jahr 1967, aber auch Stapelware aus Plastik für Kinder von Marco Zanuso & Richard Sapper, ja sogar aus Karton gefertigte Alternativen wie "Spotty", den Kindersessel von Peter Murdoch 1963 für International Paper.

Das Werbelogo für die Schau ist "Joe", der handschuhförmige Sessel feiert Baseballspieler Joe DiMaggio 1970, und auch die roten Lippen von "Marilyn" (Monroe) als Couch stellen Verbindungen zu "Soft Sculptures von Pop-Künstler Claes Oldenburg her. Daneben gab es steinartige Sitzobjekte wie "I Sassi" von Piero Gilardi; sie brachten 1967 die Natur ins Haus wie der Kleiderständer "Cactus" von Guido Drocco & Franco Mello für Gufram 1972.

Mit dem ein Jahr jüngeren Sitzobjekt "Capitello" von Studio 65 wird erstmals die Nostalgie der aufkeimenden Postmoderne spürbar. Die Neuinterpretationen des Jungendstils durch die Teenager der Jugendkultur ist damit nur mehr ein ferner Traum. Was bleibt von der Utopie des aufkeimenden Informationszeitalters - angesichts der bandscheibenfeindlichen Objekte? Eine Art Phantomschmerz.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-02-28 15:47:05
Letzte Änderung am 2012-02-28 16:09:49


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