• vom 16.05.2012, 00:00 Uhr

Museum

Update: 22.07.2015, 23:39 Uhr

Museumsstücke

Der Seidenpolster für die "Priesterhochzeit"




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Von Johann Werfring

  • Die beschauliche Ausstellung zur Geschichte des Polsters im Museumsdorf Niedersulz wird durch eine Reihe interessanter Handarbeits-Workshops ergänzt.

Eine Weinviertler Primizbraut. - © Johann Werfring

Eine Weinviertler Primizbraut. © Johann Werfring

Wenn in früheren Zeiten ein neu geweihter Priester in seinem Heimatort die Primiz (prima missa = erste Messe) hielt, wurde dieser Tag gefeiert wie ein zweiter Kirtag. Das alte Kirchenbrauchtum bei Primizen gestaltete sich ähnlich wie bei dörflichen Hochzeiten.

Ebenso wie bei den üblichen Vermählungen wurde der frischgebackene Priester in festlicher Prozession von seinem Elternhaus zur Kirche geleitet. Auch die bei Hochzeiten üblichen Sträußchen wurden den Gästen an die Kleidung geheftet. Wie es bei gewöhnlichen Hochzeiten üblich gewesen ist, war auch die Primizbraut ganz in Weiß gekleidet und in einen feinen Schleier gehüllt.

Information

"Nur ein Viertelstündchen"  Zur Geschichte des Polsters
Museumsdorf Niedersulz (NÖ)
2224 Niedersulz 250
täglich 9.3018 Uhr
Sonderausstellung: bis 1. November 2012
Tel. 0 25 34/333


Auf einem seidenen Polster trug die Primizbraut einen goldenen Kelch, den sie in der Kirche zum Altar brachte. Bei der Primizbraut handelte es sich meist um die Schwester oder eine sonstige Verwandte des Jungpriesters, und um ja keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, wurde für diese Rolle fast immer ein kleines oder halbwüchsiges Mädchen ausgewählt.

In der von Maria-Theresia Kiessling im Museumsdorf Niedersulz gestalteten Ausstellung über die Geschichte des Polsters und die damit in Verbindung stehende Handarbeitskunst sind noch weitere Formen von besonderen Gebrauchspolstern, aber auch in allerlei Techniken hergestellte Zierpolster zu bewundern. Schon seit Jahrzehnten widmet sich die Kuratorin mit großer Passion der Polsterhandarbeit.

Ein von Maria-Theresia Kiessling in Richelieu-Technik hergestellter Polsterbezug.

Ein von Maria-Theresia Kiessling in Richelieu-Technik hergestellter Polsterbezug.© Johann Werfring Ein von Maria-Theresia Kiessling in Richelieu-Technik hergestellter Polsterbezug.© Johann Werfring

Wenn Maria-Theresia Kiessling aus ihrem Leben erzählt, kann man als Zuhörer gedanklich in eine längst entschwundene Welt eintauchen. Ihr Handarbeitstalent wurde schon früh von einer Lehrerin gefördert. Eigentlich wäre sie selber gerne Handarbeitslehrerin geworden, was aber als Tochter aus bäuerlichem Haus nicht zu realisieren war. Später arbeitete sie dann eine Zeit lang im Waldviertel in einem herrschaftlichen Haus, wo sie von der Zofe der "Durchlaucht" einen weiteren Handarbeits-Feinschliff erhielt.

Auch von der Mutter und der in Wien lebenden Tante habe sie viel gelernt, sagt Kiessling. Die Tante war so etwas wie der Star der ganzen Familie, zumal deren Vater ein Hauptmann bei den k. k. Deutschmeistern gewesen ist und in fortgeschrittenem Alter Wachdienst in Schönbrunn beim Kaiser versah. Die Tante musste stets mit der Anrede "Küss die Hand" begrüßt werden.

Im Lauf der Jahrzehnte trug Maria-Theresia Kiessling eine hochwertige historische Polstersammlung zusammen, ein Teil davon stammt freilich von ihr selber. Im Rahmen der Ausstellung stehen an elf Nachmittagen Stick- und Klöppelvorführungen auf dem Programm. Es können bei solcher Gelegenheit auch Fragen jeglicher Art zum Thema Handarbeit gestellt werden.

Print-Artikel erschienen am 16. Mai 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2012-05-10 12:11:08
Letzte Änderung am 2015-07-22 23:39:09


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