• vom 31.05.2012, 00:00 Uhr

Museum

Update: 08.06.2014, 18:08 Uhr

Museumsstücke

Automatische Briefe vom Märchenopa




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Von Johann Werfring

  • Ferry Ebert, der bekannte Wiener "Automatenkönig" und Kondompionier, betreibt an seinem ehemaligen Firmensitz ein ausgefallenes Privatmuseum.

Märchenautorin Julia Lange aus Berlin im Alter von elf Jahren und ihr Brief. - © Johann Werfring

Märchenautorin Julia Lange aus Berlin im Alter von elf Jahren und ihr Brief. © Johann Werfring

Ferry Ebert darf  ganz im positiven Sinne  als ein "Wiener Original" bezeichnet werden. Dieser Status wurde dem Kondomautomatenpionier und Initiator mannigfacher gewitzter Aktionen nicht nur in der lokalen Presse der österreichischen Bundeshauptstadt, sondern auch in einer Reihe von internationalen Medien (zumindest indirekt) bestätigt.

Information

Ferry Eberts Enkelkindermuseum
und Münzautomaten-Ausstellung
1140 Wien, Beckmanngasse 7/3
Besichtigung gegen Voranmeldung
Tel. 0664/130 04 05
www.ferryebert.at


Automat für Briefe von Mensch zu Mensch (l.) und ein Märchenautomat (r.).

Automat für Briefe von Mensch zu Mensch (l.) und ein Märchenautomat (r.).© Johann Werfring Automat für Briefe von Mensch zu Mensch (l.) und ein Märchenautomat (r.).© Johann Werfring

Jahrzehntelang war der heute 78-Jährige im Münzautomatengeschäft tätig gewesen. Neben Kondomen und Brieflosen vertrieb er auf solche Weise auch Genussmittel wie die mittlerweile kultigen PEZ-Bonbons, Tutti-Frutti-Fruchtgummi, Candita-Schnitten mit Schokofüllung und Bazooka-Kaugummis.


Es gab einige Auf und Abs im Berufsleben des findigen Unternehmers. Nachdem er 60 Jahre alt geworden war, packte Ferry Ebert einen Rucksack und begab sich  auf der Suche nach dem Sinn des Daseins  auf eine zwei Jahre dauernde Weltreise nach Israel, Ägypten, Nepal und Indien, wo er sich (unter anderem) über den Wert des heranwachsenden Lebens und den besonderen Wert der Familie klar wurde.

Gedanken von Mensch zu Mensch

Zurück in der Heimat knüpfte Ebert an seinen alten Beruf nochmals an, diesmal jedoch in ganz anderer Weise: Ab 1990 stellte er in Wien den sogenannten Gedankenautomaten auf, mit dessen Hilfe er seine Erkenntnisse aus der Selbstfindungsreise unter dem Motto "Briefe von Mensch zu Mensch" auch an andere weiterzugeben gedachte. Zog jemand um zehn Schilling einen solchen Brief aus dem Automaten, so erfuhr er Eberts Gedanken zu einem speziellen Thema und war zugleich aufgefordert, einen Brief an den Urheber des Gedankenanstoßes zu übersenden. Rund eineinhalb Jahre lang verfolgte er dieses Geschäftsmodell, ehe er schließlich auf eine andere Idee verfiel.

Am 31. Jänner 1992 präsentierte Ferry Ebert im Technischen Museum Wien seinen ersten Märchenautomaten. Rund 3000 Kinder waren gekommen. War die Kommunikation "von Mensch zu Mensch" mit Erwachsenen eher verhalten gewesen, so entpuppte sich der Automat mit den Märchenbriefen zusehends als Publikumshit.

Märchenversteigerung im Dorotheum

Die Empfänger der Märchenbriefe waren aufgefordert, selber ein Märchen zu schreiben und in den Automaten einzuwerfen oder postalisch an Radomir Runzelschuh alias Ferry Ebert zu senden. Tausende Märchen langten ein; manche Kinder, wie die begabte Märchenautorin Julia Lange aus Berlin (wo auch Märchenautomaten standen), schrieben sogar mehrere Jahre lang. Seine eigene Enkeltochter schenkte dem passionierten Großvater ein selber produziertes Märchenbuch, und zwar zu ihrem eigenen Geburtstag!

Aus den Märchen der Kinder entstanden schließlich Märchenbücher, deren Erlös karitativen Organisationen zugute kam. Andere Märchen wurden im Wiener Dorotheum zugunsten des wohltätigen Vereins "Die Möwe" versteigert. Um den Erfolg seiner Aktionen zu befördern, engagierte Ebert allerlei prominente Persönlichkeiten, darunter sogar Spitzen der Bundesregierung, zu Märchenlesungen.

Eberts Museum bietet auch in anderen Enkelkinderangelegenheiten reichlich Abwechslung. Kurzweil ist zudem in der Automatenabteilung angesagt . . .

Print-Artikel erschienen am 31. Mai 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




Schlagwörter

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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2012-05-24 18:50:11
Letzte Änderung am 2014-06-08 18:08:46


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