• vom 20.09.2012, 01:00 Uhr

Museum

Update: 12.08.2016, 21:51 Uhr

Museumsstücke

Von Traubendieben, Eseln und Beißkatzen




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Von Johann Werfring

  • Das Kaiser-Franz-Josef-Museum in Baden bei Wien erläutert in seiner Abteilung "Rechtsaltertümer aus Eisen" die Schandstrafen von anno dazumal.

Reproduktion einer alten Traubendieb-Karikatur (undatiert) und eine Schandfiedel im Kaiser-Franz-Josef-Museum. - © Fotos: Johann Werfring

Reproduktion einer alten Traubendieb-Karikatur (undatiert) und eine Schandfiedel im Kaiser-Franz-Josef-Museum. © Fotos: Johann Werfring

Die eiserne Schandfiedel (auch Schandgeige) im Badener Kaiser-Franz-Josef-Museum wird durch eine Karikatur aus alter Zeit in trefflicher Weise illustriert: Ein Mann reitet verkehrt auf einem Esel, sein Kopf und die beiden Hände sind in einen mobilen Pranger aus Holz eingespannt. Ein an der Schandfiedel befestigtes Glöckchen fokussiert akustisch auf den Delinquenten. Die Überschrift "Der Traubendieb" weist den Verspotteten als Flurfrevler aus.

In sämtlichen Gebieten Europas, in denen es Weinbau gibt, sind für Traubendiebstahl diverse Strafen überliefert. Die mildeste Strafform war freilich die Geldstrafe, die zuweilen einen besonderen Namen hatte. In der Gegend von Baden bei Wien etwa kassierten die Hiata (= Weingartenhüter) früher ein "Stinglgeld" (= Stängelgeld) von den ertappten Traubendieben. Mancherorts erhielten Diebe eine Tracht Prügel, und sogar das Abhacken einer Hand (wie allgemein für Diebstahl üblich) wurde in manchen alten Gesetzeswerken für Traubendiebstahl angedroht.

Information

Kaiser-Franz-Josef-Museum
2500 Baden bei Wien, Hochstraße 51
Sa, So und Feiertag 14–17 Uhr
geöffnet von 1. Mai bis 28. Oktober
Tel. 0 22 52/41 1 00


Ebenso wie die Bestrafung mit der Schandfiedel zielte der Eselsritt darauf ab, den Delinquenten der Lächerlichkeit preiszugeben. Wurden diese Strafformen kombiniert, so traf es denjenigen, der solcherart durchs Dorf gejagt wurde, umso härter.

Demütigende Eselsritte fanden in vorindustrieller Zeit in ganz Europa statt. In Wien-Hernals erinnert heute noch ein Eselsritt-Denkmal am "Türkenritthof" in der Hernalser Hauptstraße 190–192 an den "Hernalser Eselsritt", der alljährlich im Rahmen eines karnevalesken Volksfestes beim Hernalser Kirtag stattfand. Ein als Kara Mustafa Pascha verkleideter Mann nahm verkehrt auf dem Esel Platz und wurde bei seinem Ritt vom Volk verspottet. Kaiser Joseph II. schaffte diesen Brauch im Jahr 1783 als "groben Unfug" ab.

Streitsüchtige Wienerinnen

Eine im Museum neben der Traubendieb-Karikatur befindliche Zusatzillus-
tration stellt unter dem Titel "Für streitsüchtige Frauen" zwei Schandgeigenbüßerinnen dar. "Zänkische Weiber" wurden anno dazumal auch in eine "Doppelgeige" eingespannt, wobei die beiden Streitsüchtigen so positioniert waren, dass sie einander in die Augen schauen mussten.

In Wien gab es für zanksüchtige Frauen eine Spezialbestrafung: Man legte ihnen die sogenannte Beißkatze (eine Art schmiedeeisernes Zaumzeug) an und ließ sie solcherart, dem Spott der Passanten preisgegeben, durch einen Schergen in der Stadt herumführen. Ein Glöckchen machte das herbeieilende Volk auf die Bösartigkeit des Weibes aufmerksam, das durch die Beißkatze nunmehr am Reden gehindert war.

Print-Artikel erschienen am  20. September 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2012-09-17 19:38:07
Letzte Änderung am 2016-08-12 21:51:39


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