• vom 29.11.2012, 04:30 Uhr

Museum

Update: 08.06.2014, 17:51 Uhr

Museumsstücke

Herrliche Umschau im Kaiseroratorium




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Von Johann Werfring

  • Die Wiener Votivkirche bietet ihren Besuchern viele interessante historische Details. Dass sie aber auch ein Museum beherbergt, ist nur wenig bekannt.

Vollplastische Figuren des Antwerpener Passionsaltars (um 1460). Kreuztragung (l.) und Beweinung Christi (r.). - © Fotos: Johann Werfring

Vollplastische Figuren des Antwerpener Passionsaltars (um 1460). Kreuztragung (l.) und Beweinung Christi (r.). © Fotos: Johann Werfring

Dass die Wiener Votivkirche ihre Errichtung einem missglückten Attentat auf Kaiser Franz Joseph I. (1830 bis 1916) zu verdanken hat, ist weithin bekannt. Nur wenige wissen indes, dass die Kirche (deren Grundsteinlegung am 24. April 1856 erfolgte) – wegen ihrer räumlichen Nähe zum Hauptgebäude der Universität am Ring (errichtet zwischen 1877 und 1884) – schon im 19. Jahrhundert als Universitätskirche ausersehen, zu einer solchen jedoch erst im Jahr 1987 offiziell bestimmt wurde. Auch über die Widmung des Gotteshauses als Garnisonskirche (bis 1918), worauf bis heute eine Reihe von Erinnerungszeichen in deren Innerem verweisen, sind bloß Insider informiert.

Eine ähnliche Bewandtnis hat es mit dem Museum in der Votivkirche. Es befindet sich im ehemaligen Hoforatorium, welches speziell für die Kirchenbesuche von Kaiser Franz Joseph und seine Begleiter eingerichtet worden war. Jedoch wurde das Hoforatorium als solches nie benützt. Der dort bis heute befindliche wunderschöne, mit monarchischen Emblemen verzierte Kachelofen hat – entgegen der Intention seiner Erbauer – niemals für kaiserliches Wohlbehagen gesorgt.

Information

Museum in der Votivkirche Wien
1090 Wien, Rooseveltplatz
Di bis Fr 16–18 Uhr, Sa 10–13 Uhr
und nach Voranmeldung im Propsteipfarramt Votivkirche
Tel. (01) 406 11 92


Gut gemeint war auch die Wahl des Standortes für das Kaiseroratorium, von wo man herrliche Umschau über den darunter liegenden Kircheninnenraum halten kann. Auch wenn sich der Kaiser das entgehen ließ und stattdessen woanders der heiligen Messe beiwohnte: Immerhin können nun die Besucher des seit 26. November 2000 bestehenden Museums majestätische Blickerlebnisse genießen.

Das verpatzte Wunderkammerstück

Ebenfalls dem Kaiser Franz Joseph haben wir heute das Prunkstück des Museums zu verdanken: den Antwerpener Passionsaltar. Im Jahr 1858 hatte Kaiser Franz Joseph den spätmittelalterlichen Altar erstanden. Nach dem kaiserlichen Willen hätte dieser eigentlich in die Kunst- und Wunderkammer von Schloss Ambras bei Innsbruck in Tirol gebracht werden sollen. Jedoch kam er in die Wiener Votivkirche, nachdem der vormalige Erzieher des Kaisers, Kardinal Othmar Rauscher, diesen darum gebeten hatte.

Laut Einschätzung von Kunsthistorikern darf der Antwerpener Passionsaltar als das bedeutendste geschnitzte, polychromierte (farblich gefasste) Bildwerk aus der Zeit des ausgehenden Mittelalters angesehen werden. Der Erhaltungszustand der ausdrucksstarken Figuren ist grandios! Aus Kirchgängersicht zweifellos ein Jammer, dass ein solches Bravourstückerl gotischer Schnitzkunst in einem eher schwach besuchten Museum und nicht, wie vorgesehen, in der Apsis eines Gotteshauses aufgestellt ist. Andererseits verhilft der vom Monarchen erworbene und beigestellte Altar dem verpatzten Kaiseroratorium bis zum heutigen Tag zu majestätischer Würde. . .

Print-Artikel erschienen am  29. November 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2012-11-26 19:14:06
Letzte Änderung am 2014-06-08 17:51:39


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