• vom 06.12.2012, 02:30 Uhr

Museum

Update: 14.12.2016, 19:30 Uhr

Museumsstücke

Der deutsche Rektor und sein Weg in Wien




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Von Johann Werfring

  • Anlässlich des 140-jährigen Bestehens der Universität für Bodenkultur Wien zeigt das Bezirksmuseum Währing eine historische Plakatausstellung.

Das heutige Hauptgebäude der Universität für Bodenkultur in der Gregor-Mendel-Straße 33 in Wien-Währing im Jahr 1896 (Rückseite). - © Foto: Archiv der Universität für Bodenkultur Wien

Das heutige Hauptgebäude der Universität für Bodenkultur in der Gregor-Mendel-Straße 33 in Wien-Währing im Jahr 1896 (Rückseite). © Foto: Archiv der Universität für Bodenkultur Wien

Die Jubiläumsausstellung der Universität für Bodenkultur Wien thematisiert im Wesentlichen die Geschichte ihrer einzelnen Gebäude. Gleich beim Eingangsbereich zur Ausstellung erweckt ein ausdrucksstarkes Porträt Interesse: Der Mann mit der ergrauten wallenden Mähne und Rauschebart, Martin Wilckens (1834 bis 1897), war der Gründungsrektor der Alma Mater Viridis, kurz Boku, die vom Tag ihrer Eröffnung am 15. Oktober 1872 bis 1896 im Palais Schönborn (heute Volkskundemuseum) untergebracht war.

Während die Universität für Bodenkultur andere Magnifizenzen und Professorenkollegen von Wilckens ehrte, indem sie prächtige Gebäude nach ihnen benannte, ging er in dieser Hinsicht leer aus. Lediglich mit einem kleinen im Jahr 1960 nach ihm benannten Weg in Wien-Döbling erwies man dem anerkannten Tierzuchtforscher, der am 10. Juni 1897 freiwillig aus dem Leben geschieden war, die Reverenz.

Martin Wilckens (1834 bis 1897) war Gründungsrektor der Boku.

Martin Wilckens (1834 bis 1897) war Gründungsrektor der Boku.© Foto: Johann Werfring Martin Wilckens (1834 bis 1897) war Gründungsrektor der Boku.© Foto: Johann Werfring

Der in Hamburg geborene Spross einer Bremer Kaufleutefamilie hat eine recht ungewöhnliche Biografie: Nach dem Medizinstudium wirkte er als Armenarzt, hernach erwarb er in Schlesien ein Rittergut, wo er als Landwirt tätig war, um sich hernach ganz der Wissenschaft zu verschreiben. Nach einer außerordentlichen Professur in Rostock erfolgte 1872 der Ruf nach Wien.


Bei seiner Antrittsrede an der Boku nannte er als vorrangiges Ausbildungsziel, "der österreichischen Landwirtschaft denkende und urteilsfähige Jünger zuzuführen". Wilckens, selbst Universalgelehrter, trat für ein hohes Niveau von Forschung und Lehre ein und scheute sich zu keiner Zeit, in diesem Bestreben bei Kollegen anzuecken. In einer 1878 im Eigenverlag herausgegebenen Schrift sprach sich der Gründungsrektor der Boku sogar gegen die Existenz seiner eigenen Hochschule und für deren Einverleibung in die Wiener Universität aus. Als Gründe für diese Empfehlung nannte er – bemerkenswerterweise – unter anderem das Fehlen der philosophischen, kulturhistorischen und literarhistorischen Vorlesungen an der Boku. Freilich löste er mit seiner Schrift bei den Kollegen einen Sturm der Entrüstung aus.

Das Gründungshaus der Universität für Bodenkultur (heute Österreichisches Museum für Volkskunde) in der Laudongasse 15-19 in Wien-Josefstadt.

Das Gründungshaus der Universität für Bodenkultur (heute Österreichisches Museum für Volkskunde) in der Laudongasse 15-19 in Wien-Josefstadt.© Foto: Johann Werfring Das Gründungshaus der Universität für Bodenkultur (heute Österreichisches Museum für Volkskunde) in der Laudongasse 15-19 in Wien-Josefstadt.© Foto: Johann Werfring

Martin Wilckens blieb auch weiterhin unbequem, aber stets aufrecht. Beim Durchschreiten des Wilckenswegs imaginiere ich Wilckens als Professor im heutigen Lehrbetrieb der Boku . . .

140 Jahre Universität für Bodenkultur
Bezirksmuseum Währing
1180 Wien, Währinger Straße 124
Mo 9.30–11.30 Uhr, Do 18–20 Uhr,
So 10–12 Uhr (noch bis 20. Dezember)
Tel. (01) 4000/18127
www.bezirksmuseum.at

Print-Artikel erschienen am  6. Dezember 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2012-12-03 20:02:04
Letzte Änderung am 2016-12-14 19:30:59


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