• vom 02.05.2013, 00:00 Uhr

Museum

Update: 14.12.2016, 19:30 Uhr

Museumsstücke

Mit dem Zeiserlwagen zur Gaudi gefahren




  • Artikel
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Johann Werfring

  • Eine Frühform des öffentlichen Verkehrs in Wien, die im Bezirksmuseum Mariahilf dokumentiert ist, hat mit Vergnügungssucht und Weinseligkeit zu tun.

Abbildung eines Zeiserlwagens mit Wiener Ausflugsgesellschaft im Bezirksmuseum Mariahilf, undatiert. - © Johann Werfring

Abbildung eines Zeiserlwagens mit Wiener Ausflugsgesellschaft im Bezirksmuseum Mariahilf, undatiert. © Johann Werfring

Von dem Komponisten Ludwig Gruber (1874 bis 1964), der sich für Wienerliedschöpfungen wie "Mei Muatterl war a Weanerin" oder "Es wird a Wein sein" legendären Nachruhm erwarb, stammt auch das Lied "A Landpartie mit ’n Zeiserlwagen". Es bezieht sich auf ein Wiener Verkehrsmittel, welches noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Sonntagen die vergnügungssüchtigen Wiener in die Vororte brachte.

Beim Zeiserlwagen handelte es sich um einen von ein bis zwei Pferden gezogenen Leiterwagen, in dem rund zehn bis zwölf Personen auf ungepolsterten Sitzbrettern Platz fanden. Eine primitive Plane auf Stangen bot im Bedarfsfall Schutz vor Regen. Woher der Name "Zeiserlwagen" stammt, kann heute nicht mehr eruiert werden.

Information

Bezirksmuseum Mariahilf
1060 Wien, Mollardgasse 8
Do 10–12 Uhr, So 11–13 Uhr
Tel. (01) 586 78 68


Dass die Wiener anno dazumal ihre sonntäglichen Vergnügungen in den Vororten suchten, hängt vor allem damit zusammen, dass die Speisen und Getränke dort um einiges billiger waren als in der Stadt oder in den Vorstädten. Besonders infolge der Erhebung einer Verzehrsteuer ab 1829 am Linienwall, wo heute der Gürtel verläuft, wurden die Vororte von den vergnügungssuchenden Wienern geradezu gestürmt. Es ist davon auszugehen, dass die Überquerung der "Linien" mit dem Zeiserlwagen diesem den Zweitnamen "Linienschiff" bescherte.

Wer es sich leisten konnte, fuhr mit dem Zeiserlwagen nach Grinzing oder nach Sievering zum "Agnesbründl" oder zu anderen vergnüglichen Stätten. Das weniger betuchte Publikum ging zu Fuß hinaus zu näher gelegenen Orten, vor allem nach Neulerchenfeld, welches, infolge des seinerzeitigen Massenansturms als "Größtes Wirtshaus des Heiligen Römischen Reiches" bezeichnet wurde.

Freilich musste zuerst die heilige Messe besucht werden, ehe man nach Lerchenfeld wandern oder mit dem Zeiserlwagen weiter hinaus fahren durfte. Der heilige Klemens Maria Hofbauer (1751 bis 1820), der heutige Stadtpatron Wiens, empörte sich über die Vergnügungssucht der Wiener, indem er ihnen predigte: "Da schaut ihr nur schnell am Sonntag früh eine Messe zu hören, um dann mit dem Zeiserlwagen bald vor die Linien zu kommen."

Die Vergnügungen in den Vororten waren mannigfaltig. Neben dem günstigen Essen und Weinausschank lockten auch allerlei Musiker mit kurzweiligen Darbietungen.

Wie überliefert ist, versäumte manch einer den letzten Zeiserlwagen, der in die Stadt zurückfuhr. In dem Wienerlied "A Gfrett is ’s auf da Welt" heißt es dazu: Statt hamfahrn mit an Zeiserlwagen / tuat aner den andern buckelkraxn tragn." In den Abendstunden tauchten in manchen Wirtshäusern und Schenken auch verlockende Damen auf . . .

Print-Artikel erschienen am 2. Mai 2013
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-04-26 14:20:04
Letzte Änderung am 2016-12-14 19:30:07


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Heitere Pärchenbildung
  2. Ein rasender Träumer auf Reisen
  3. Gesamtkunstwerk reloaded
  4. Mouth & MacNeal, ein Duo wie Hund und Katz
  5. Tour-Tagebuch
Meistkommentiert
  1. Cowboys, die Pailletten lieben

Werbung




Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.

Ignaz Kirchner als "Samiel", 2007, während der Fotoprobe von "Der Freischuetz" in Salzburg.  Das Tutu ist das Spezifikum der Ballerina, die elfengleich über die Bühne schwebt.


Werbung