• vom 20.06.2013, 00:00 Uhr

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Update: 19.04.2017, 20:49 Uhr

Museumsstücke

Die Löwenbändigerin von der Praterbude




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Von Johann Werfring

  • Die auch unter dem Beinamen "Löwin von Wien" bekannte "Miss Senide" zählte im 19. Jahrhundert weltweit zu den erfolgreichsten Tierbändigerinnen.

Henriette Willardt alias "Miss Senide" trat in jungen Jahren mit exotischen Tieren auf (l.), ein Foto in fortgeschrittenem Alter zeigt sie mit Hunden und Vögeln (M.). Im Pratermuseum befindet sich ein ausgestopfter Löwe, mit dem sie aufgetreten war (r.). - © Pratermuseum, Johann Werfring

Henriette Willardt alias "Miss Senide" trat in jungen Jahren mit exotischen Tieren auf (l.), ein Foto in fortgeschrittenem Alter zeigt sie mit Hunden und Vögeln (M.). Im Pratermuseum befindet sich ein ausgestopfter Löwe, mit dem sie aufgetreten war (r.). © Pratermuseum, Johann Werfring

Nicht weit vom Riesenrad im Wiener Prater, gleich neben dem Planetarium, wurde im Jahr 1997 ein Weg nach dem Schriftsteller und Volksbildner Hans Pemmer (1886 bis 1972) benannt. Die Stadt Wien hat ihm in kultureller Hinsicht viel zu verdanken. Hans Pemmer zählte auch zu den Kulturpublizisten der "Wiener Zeitung".

Das Pratermuseum, 1933 in der Wohnung von Hans Pemmer gegründet, befindet sich heute im Gebäude des Planetariums. Der Großteil der Objekte im Pratermuseum stammt aus der Sammlung Pemmer, die der passionierte Praterforscher großzügigerweise der Stadt Wien übereignet hat. Gleich beim Eingang zum Pratermuseum ist an der Wand ein Löwenpräparat aus der Sammlung Pemmer zu sehen. Wie überliefert ist, handelt es sich um ein Lieblingstier der einst weltberühmten Dompteuse Henriette Willardt alias Miss Senide (1866 bis 1923).

Information

Pratermuseum
1020 Wien, Oswald-Thomas-Platz 1
(Planetarium, beim Riesenrad)
Fr bis So und Feiertag 10 bis 13
und 14 bis 18 Uhr
Tel. (01) 726 76 83
www.wienmuseum.at


Aufgewachsen in einem steirischen Mädcheninternat, übersiedelte Henriette 15-jährig nach Wien, wo ihre Mutter im Prater eine Schaubude mit allerlei Kuriosa betrieb. Das kreative Umfeld im Prater hat ganz offensichtlich auf das Mädchen inspirierend gewirkt, da es alsbald den Wunsch äußerte, Tierbändigerin werden zu wollen. Kurzerhand erwarb Henriette in Hamburg zwei  Berberlöwen (von denen es heute nur noch wenige Exemplare gibt), einen Bär und einen Leoparden. Zurück in Wien trainierte sie diese Tiere mit "zahmer Dressur" (ohne Strafe, nur mit Belohnung). Am 12. Dezember 1883 war es dann so weit, dass sie als "Miss Senide" in Berlin bei der Damengala des Zirkus Renz erstmals auftreten durfte.

Zu ihren spektakulärsten Programmpunkten zählte in weiterer Folge eine Nummer, die sie "Le diner africain" nannte. Dabei riss sie einem Panther ein Fleischstück wieder aus dem Rachen. Bei solchen Bravourstücken ging es allerdings nicht immer ohne Verletzungen ab, was für das Publikum freilich den Reiz beträchtlich erhöhte.

Auf einer ihrer Tourneen durch Europa, es war am 3. Februar 1887 in Dublin, ereignete sich Unerhörtes: Während der Vorstellung, just in dem Moment, als sie einem Löwen ihren Kopf in den Rachen steckt, fällt das Licht aus! Prompt beißt das irritierte Tier zu. Schwer verletzt überlebte Miss Senide, die sich von dem Vorfall aber nicht abschrecken ließ. Sobald sie wieder bei Kräften war, machte sie weiter. Schließlich gründete sie sogar ihren eigenen Zirkus. Miss Senide verschied 57-jährig in Wien. Sie zählte zu den frühen, weltweit erfolgreichsten Dompteusen in einem männerdominierten Umfeld.


Print-Artikel erschienen am 20. Juni 2013
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2013-06-17 18:53:05
Letzte Änderung am 2017-04-19 20:49:25


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