• vom 10.04.2014, 00:00 Uhr

Museum

Update: 06.05.2014, 04:43 Uhr

Roseldorfer Kultort als Denkmodell in Asparn




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Von Johann Werfring

  • Im Urgeschichtemuseum MAMUZ in Asparn an der Zaya beginnt für geschichtsinteressierte Ausflügler am kommenden Sonntag die heurige Saison.

Modell des Heiligtums von Roseldorf in Asparn/Zaya (r.); Altar mit keltischer Gottheit und Opfergrube im Inneren (l.). - © Johann Werfring

Modell des Heiligtums von Roseldorf in Asparn/Zaya (r.); Altar mit keltischer Gottheit und Opfergrube im Inneren (l.). © Johann Werfring

In den Jahrhunderten vor Christi Geburt herrschte in der Gegend des heutigen 300-Seelen-Ortes Roseldorf im westlichen Weinviertel rege Geschäftigkeit. Am Südhang des Sandbergs befindet sich der Fundort der bislang größten keltischen Zentralsiedlung Österreichs. Seit im Jahr 2001 in den Sommermonaten Grabungen stattfinden, konnten die Wissenschafter ihren Horizont beachtlich erweitern.

Zu den Highlights, die gefunden wurden, zählen etwa eine Druidenkrone und ein verkohlter Weintraubenkern. Ob die Kelten hierzulande auch "gekeltert" haben (wie in so mancher Heimatchronik von Weinbauorten salopp behauptet wird), oder ob der Traubenkern von einer Rosine stammt, die aus südlichen Gefilden herbei gebracht wurde, muss indes offen bleiben.

Information

Urgeschichtemuseum MAMUZ
Schloss Asparn/Zaya

2151 Asparn/Zaya, Schlossgasse 1
Di bis So und feiertags 10–17 Uhr
13. April bis 30. November 2014
Tel. 02577/84180
www.mamuz.at


Zu den sichtbaren Resultaten der Roseldorfer Forschungsarbeiten zählt ein Denkmodell im Asparner Urgeschichtemuseum MAMUZ. "Denk"-Modell deshalb, weil wesentliche Teile des aufgebauten Heiligtums nicht durch lokale Funde abgesichert sind, sondern von den Wissenschaftern in Analogie zu Keltensiedlungen in Frankreich gestaltet wurden. Wenngleich die Fachleute bei dem einen oder anderen Detail ihre Fantasie walten ließen, wird hier durchaus authentisches Kelten-Feeling vermittelt. Zumindest so ähnlich könnte das Roseldorfer Heiligtum vor mehr als 2000 Jahren ausgesehen haben.

Das Zentrum des Heiligtums bildet eine Opfergrube, in der anno dazumal die Göttergaben platziert wurden. Bei den geopferten Gegenständen handelte es sich neben Speisen und Getränken etwa um Waffen und Schmuckstücke. Im Falle von blutigen Opfern blieben die tierischen Kadaver, aber auch die menschlichen Leichen, in Verwesung in der Opfergrube liegen.

Im Rahmen der Opferhandlungen, so mutmaßen die Forscher, hielt man auf dem freien Platz im Heiligtum ein Festmahl ab, wobei vorwiegend Lämmer und Ferkel, aber auch Rinder und Hunde verspeist wurden. Im Anschluss an die Opferung wurden die Göttergaben rituell zerstört und in den um die Anlage befindlichen Graben geworfen. Dort landeten nach dem Verwesungsprozess auch die Tierknochen und menschlichen Gebeine.

Weil die Opfergrube jeweils leer geräumt worden war, konnte bei der Grabung darin nichts Besonderes aufgefunden werden. Hingegen war der Opfergaben-Entsorgungsgraben für die Forscher umso ergiebiger. Auch das heutige Denkmodell in Asparn ist mit einem Graben versehen.

Die beeindruckende, von den Forschern kreierte hölzerne Götterskulptur im Heiligtum orientiert sich an einem keltischen Sujet in Dänemark, ist aber von einem wichtigen Roseldorfer Ausgrabungsobjekt inspiriert. Alles in allem gilt die Entdeckung des Heiligtums von Roseldorf als archäologische Sensation.


Print-Artikel erschienen am 10. April 2014
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7



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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2014-04-07 12:23:05
Letzte Änderung am 2014-05-06 04:43:43


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