• vom 24.04.2014, 00:00 Uhr

Museum

Update: 06.05.2014, 04:43 Uhr

Museumsstücke

Schandstrafe für zänkische Eheleute




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Von Johann Werfring

  • Während heute Ehepartner oft nach etlichen Jahren wieder getrennte Wege gehen, mussten Verheiratete anno dazumal in der Ehehölle ausharren.

In der Marchtrenker Wiege wurden zänkische Ehepartner, die wie Fatschenkinder gewickelt waren, öffentlich gewiegt. - © Johann Werfring

In der Marchtrenker Wiege wurden zänkische Ehepartner, die wie Fatschenkinder gewickelt waren, öffentlich gewiegt. © Johann Werfring

In vorindustrieller Zeit kam eine Trennung von Ehepartnern alleine schon aus moralisch-religiösen, aber auch aus materiellen Gründen kaum in Frage. Die Formel "Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen" aus dem Evangelium nach Matthäus war anno dazumal noch streng verbindlich.

Weil mithin auch im Falle einer heftigen Zerrüttung der Ehe keine Möglichkeit bestand, den mittlerweile verhassten Gespons loszuwerden, kam es vor, dass die permanenten Streitigkeiten von Eheleuten zum öffentlichen Ärgernis ausarteten. Wie ein Objekt im Schlossmuseum Linz veranschaulicht, waren in krassen Fällen sogar Schandstrafen vorgesehen.

Information

Schlossmuseum Linz
4010 Linz, Schlossberg 1
Di bis Fr 9-18 Uhr, Do 9–21 Uhr,
Sa, So und Feiertag 10–17 Uhr
Sonderregelung für Feiertage
Tel. 0732/77 44 19-0
www.landesmuseum.at/schlossmuseum


Die hier abgebildete eisenbeschlagene Wiege aus Holz trägt die Jahreszahl 1702 und stammt aus dem Ort Marchtrenk bei Wels in Oberösterreich. In Auftrag gegeben wurde das kuriose Möbel von dem Marchtrenker Dorfrichter Johann Kötzinger, um damit zänkische Eheleute zu bestrafen. Wie auf den beiden Längsseiten dieser Erwachsenenwiege dargestellt ist, wurden die "Delinquenten" zunächst wie Fatschenkinder in Windeln gewickelt und fest verschnürt, dann in die Wiege gelegt und zum eigenen Spott sowie zum Gaudium der Dorfgemeinschaft gewiegt.

Über der Darstellung des gefaschten Mannes ist zu lesen: "Ach wie gedts mir armen Mann / dißen spodt ich nit genug betauren kann, / dass ich hier lig gewindlet ein / will doch Dabei gedultig Sein." Auf der gegenüberliegenden Seite sind der dargestellten Ehefrau die folgenden Worte in den Mund gelegt: "Seht ihr weiber und khombt herbey / Maß dißes für ein spodt uns Sei / dass ich Da Lig gefaschet ein / das thoch wird Mein erlambniß sein." Unter "erlambniß" wird wohl ein "Erlahmen" (der Zankbereitschaft) zu verstehen sein – es wird also suggeriert, dass die Strafe ihre Wirkung nicht verfehlt.

Weil es zur Durchführung der Schandstrafe mit dieser Wiege keine schriftliche Überlieferung gibt und die Strafe extrem kurios anmutet, gibt es auch noch die Meinung, dass anstelle der Ehepartner bloß Puppen in die Wiege gelegt worden seien. Durch die Bezahlung einer "Wirtshausrunde" hätte die Strafe nach dieser Interpretation getilgt werden können.

Später wurde jedenfalls ein oberösterreichischer Schwank dazu verfasst. Und während noch Anfang des 20. Jahrhunderts eine "Gruß aus Marchtrenk"-Postkarte neben der Dorfkirche auch die "Wiege der Alten" zeigte, wird diese heute auf der Internetseite der Stadtgemeinde Marchtrenk verschwiegen. Nicht einmal im Marchtrenk-Artikel von Wikipedia ist sie erwähnt.

Print-Artikel erschienen am 24. April 2014
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




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Dokument erstellt am 2014-04-17 13:59:04
Letzte Änderung am 2014-05-06 04:43:13


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