• vom 03.09.2015, 00:00 Uhr

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Von Johann Werfring

  • Mit einer Gedenktafel, die am 8. September 2015 in Wien-Josefstadt enthüllt wird, erfährt eine großartige Wiener Künstlerin ihre verdiente Anerkennung.

Gustav Szekely, der Sohn von Trude Waehner, im Atelier seiner Mutter, 2015.

Gustav Szekely, der Sohn von Trude Waehner, im Atelier seiner Mutter, 2015.© Johann Werfring Gustav Szekely, der Sohn von Trude Waehner, im Atelier seiner Mutter, 2015.© Johann Werfring

Sieht man sich als Wiener eine Auswahl der Werke von Trude Waehner (1900–1979) an, so ist man augenblicklich erstaunt, dass die Schöpferin von derart grandiosen Artefakten hierzulande keinen höheren Bekanntheitsgrad hat. Dem konsequenten Bemühen einer Reihe von Personen und Institutionen, darunter Gustav Szekely, der Sohn der Künstlerin, das Bezirksmuseum Josefstadt und der Kunsthandel Widder, ist es zu danken, dass diesem Manko abgeholfen wird.

Auf der neuen Gedenktafel, die am kommenden Dienstag enthüllt wird, ist zu Recht vermerkt, dass Trude Waehner, die mit so bedeutenden Persönlichkeiten wie Otto Dix, George Grosz, Bert Brecht, Ernst Kris, Otto Neurath, Josef Frank oder Karl Menger Umgang hatte und von diesen Impulse bezog, ihren eigenen expressionistischen Malstil entwickelte.

Information

Gedenktafelenthüllung
für Trude Waehner


Gedenktafelenthüllung am 8. September 2015, 17.30 Uhr, am Haus Buchfeldgasse 6, 1080 Wien – mit anschließender Möglichkeit der Atelierbesichtigung.

Begleitend dazu zeigt der Kunsthandel Widder vom 1. bis 26. September in seiner Galerie in 1010 Wien, Johannesgasse 9-13, Werke von Trude Waehner.


Im Dachgeschoss ihres Elternhauses in Wien-Josefstadt hatte sich Trude Waehner ein schmuckes Atelier eingerichtet, das alsbald auch zu einem Treffpunkt von Wiener Geistesgrößen wurde. Wichtige Stationen ihrer künstlerischen Karriere sind ab 1928 Dessau und Berlin. Bereits Anfang der 1930er Jahre warnt sie künstlerisch vor den Verführungen des Faschismus, etwa mit der Zeichnung "Die Zukunft dieser Jugend", wo Totenköpfe zu sehen sind, die Stahlhelme mit aufgemalten Hakenkreuzen tragen.

In solcher Weise exponiert, ist sie nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland zur Rückkehr nach Wien genötigt, wo sie sich in aufrechter Weise für politisch und rassisch Verfolgte aus Hitlerdeutschland engagiert und Materialien zur Fälschung von Ausweispapieren und Pässen für deutsche, italienische und jugoslawische Antifaschisten bereitstellt.

Selbstporträt von Trude Waehner, 1960, Aquarell/Japanpapier.

Selbstporträt von Trude Waehner, 1960, Aquarell/Japanpapier.© Kunsthandel Widder Selbstporträt von Trude Waehner, 1960, Aquarell/Japanpapier.© Kunsthandel Widder

1938 muss Trude Waehner auch aus Wien vor der braunen Pest Reißaus nehmen. Über Paris und London gelangt sie im Dezember 1938 nach New York. Was sie zusehends als große Künstlerin auszeichnete, war die stete Weiterentwicklung ihres Stils, immer wieder ersann sie neue Ausdrucksmöglichkeiten für die unterschiedlichsten thematischen Herausforderungen.

Anfang der 1940er Jahre trat sie in den USA auch mit einer wissenschaftlichen Studie zur Kunsterziehung hervor. Der von ihr verfasste Aufsatz "Formal Criteria for the Analysis of Children’s Drawings" lieferte die Grundlage zu einer systematischen Interpretation von Kinderzeichnungen.

Als sie nach dem Zweiten Weltkrieg nach Wien zurückkehrte, konnte sie ihr geliebtes Atelier längere Zeit nicht beziehen, weil dieses seit 1938 von dem Dichter Heimito von Doderer bewohnt wurde. Erst nach einem Rechtsstreit sollte sie es zurückbekommen.

Der bekannte Romancier erhielt bereits vor einiger Zeit am Haus eine Gedenktafel. Es wäre zu wünschen, dass auch das bislang von Gustav Szekely als Gedächtnisstätte aufrecht erhaltene Atelier museal erhalten werden könnte.

Print-Artikel erschienen am 3. September 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-08-31 13:02:06
Letzte Änderung am 2015-09-01 05:00:58


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