• vom 03.12.2015, 00:30 Uhr

Museum

Update: 06.12.2015, 22:54 Uhr

Museumsstücke

Labung vom Wiener Sauerbrunnengewölbe




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Von Johann Werfring

  • Das Österreichische Museum für Volkskunde gibt mit vielerlei Objekten herrliche Einblicke in den Alltag der Großväter und Urgroßmütter.

Sauerwasserflasche, 18. Jahrhundert - © Johann Werfring

Sauerwasserflasche, 18. Jahrhundert © Johann Werfring

Im Eingangsbereich des Wiener Volkskundemuseums gibt es seit Juli 2006 die "NeuerDings"-Vitrine. Es werden darin vor allem neu erworbene Objekte eine Zeit lang ins Rampenlicht gestellt. Derzeit befindet sich in dieser Vitrine eine bemalte Vierkantflasche aus Steinzeug mit der (niedrigen) Inventarnummer ÖMV/228, die darauf verweist, dass es sich um eines der ersten Objekte handelt, die in die Sammlung des Museums gelangten. Aufgrund der Forschungen von Patrick Schlarb aus Frankfurt am Main kann "neuerdings" die Geschichte dieser Flasche erzählt werden.

Der zu Beginn des 16. Jahrhunderts einsetzende Versand von Heil- und Sauerwässern erforderte spezielle Leergebinde. Flaschen aus Steinzeug waren, auch aufgrund ihrer verhältnismäßigen Robustheit, besonders geeignet.

Information

Österreichisches Museum
für Volkskunde

1080 Wien, Laudongasse 15–19
Di bis So 10–17 Uhr
Mo geschlossen, außer an Feiertagen
Tel. 01/406 89 05
www.volkskundemuseum.at


Im Zuge seiner Forschungen konnte Patrick Schlarb nachweisen, dass die hier abgebildete Flasche in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Waldenburg (Sachsen) zum Zwecke der späteren Befüllung mit Sauerwasser hergestellt worden war. Hernach wurde sie 120 Kilometer weit nach Eger (Böhmen) transportiert, wo sie ein örtlicher Zinngießer mit einem Zinnschraubverschluss versah. An der Oberseite der Verschlusskappe schlug er den Großbuchstaben "E" (für Eger) und darüber eine Krone ein.

Die Hoffnung der Kaiserin

Sodann wurde die Flasche mit Egerer Sauerwasser befüllt und per Pferdefuhrwerk nach Wien verfrachtet. Dort landete sie im sogenannten Sauerbrunnengewölbe im "Günterischen Haus / auf dem alten Kienmarkt / neben dem roten Ygel" (heute Seitenstettengasse), wo sich das Lager sowie eine Verkaufsstelle befand, die den elf bürgerlichen Apothekern von Wien gehörte.

Das Egerer Sauerwasser (auch "Egerischer Säuerling") zählte damals zu den ganz prominenten Wässern. Ärzte verfassten eine Reihe von Traktaten über die Heilkraft des Wassers aus dem Egererbrunnen. Neben seiner harntreibenden und appetitfördernden Wirkung stand es im Ruf, bei allerlei Frauenleiden Abhilfe zu schaffen. Auch auf die Sexualorgane sollte es nach ärztlicher Meinung eine anregende und kräftigende Wirkung haben, ja sogar bei Sterilität und Impotenz traute man dem Wasser eine heilsame Wirkung zu. Dementsprechend gingen 1617 Sauerwasser-Sendungen nach Prag, an die Gemahlin von Kaiser Matthias, Anna von Tirol. Indes konnte in diesem Fall nicht einmal das Egerer Sauerwasser helfen; die Ehe blieb weiterhin kinderlos.

Zurück zum Museums-Exponat in der NeuerDings-Vitrine: Die Flasche wurde vom Wiener Sauerbrunnengewölbe mit Sicherheit an einen wohlhabenden Haushalt veräußert, denn das Egerer Wasser war ein ausgesprochenes Luxusgetränk. Über seine Heilkraft hinaus war es auch wegen seiner erfrischenden Wirkung beliebt. Noch in der ausgehenden Habsburgermonarchie wurde Egerer Sauerwasser als vorzüglicher Weinsäuerling gepriesen. Insofern dürfte es – in Kombination mit Wein – schon früh eine Art Luxus-G’spritzter abgegeben haben.

Wie auch anhand des gegenständlichen Museumsstückes nachzuvollziehen ist, wurden die verschickten Sauerwasserflaschen einer weiteren Verwendung zugeführt. Nachdem die Flasche ausgetrunken war, mutierte sie zu einem Apothekergefäß für Lavendelwasser. Der – nebst weiterer Verzierung – nachträglich aufgebrachte Schriftzug "AQU: LAVAN= DUL:" lässt darauf schließen, dass sie jahrelang noch in einer Apotheke aufgestellt gewesen ist.

Die Wiederverwendung respektive Fremdverwendung von Sauerwasserflaschen ist für das 18. Jahrhundert verschiedentlich bezeugt. Dass Egerer Flaschen ganz besonders geschätzt wurden, ist auch durch ihre Aufnahme in Hinterlassenschaftsinventare erwiesen. Es gibt sogar Berichte, wonach Heilwasserflaschen, mit Sand gefüllt, als Wärmeflaschen Verwendung fanden.

Der Versand von Egerer Sauerwasser in Tonflaschen mit Zinnverschluss erfolgte bis zum Jahr 1789, sodann kamen Korke zum Einsatz. Allerdings gab es bei der Verkorkung zunächst Probleme, woraufhin der Egerer Kaufmann Josef August Hecht eine neue Methode zur Füllung der Flaschen mit Gas, unter Anwendung einer soliden Verkorkungs-Maschine, erfand. Auf diese Füllungs- und Verkorkungsmethode verlieh ihm Kaiser Franz I. ein Privileg. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte schließlich die Versendung von Sauerwasser in Glasflaschen.

Print-Artikel erschienen am 3. Dezember 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-11-30 16:23:04
Letzte Änderung am 2015-12-06 22:54:12


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