• vom 23.12.2015, 00:07 Uhr

Museum

Update: 23.02.2018, 23:23 Uhr

Museumsstücke

Schmähführen im Nachtmuseum




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Von Johann Werfring

  • Im vergangenen Jahrzehnt wurde aus dem Kaffee Urania eine museale Stätte. Nun denkt der Wirt ans Aufhören, möchte aber seine Bilder weiterhin dort präsentieren.

Kaffee-Urania-Wirt Hubert Horky, hier mit seinem Hund "Lady", hat mit den Fotos seiner Prater-Sammlung die Gasträume seines Kaffeehauses museal bestückt.

Kaffee-Urania-Wirt Hubert Horky, hier mit seinem Hund "Lady", hat mit den Fotos seiner Prater-Sammlung die Gasträume seines Kaffeehauses museal bestückt.© Johann Werfring Kaffee-Urania-Wirt Hubert Horky, hier mit seinem Hund "Lady", hat mit den Fotos seiner Prater-Sammlung die Gasträume seines Kaffeehauses museal bestückt.© Johann Werfring

Am 17. Juli 2015 hat Hubert Horky gemeinsam mit Stammgästen seinen 72. Geburtstag gefeiert. Schon seit mehr als 50 Jahren betreibt er das Kaffee Urania unweit vom Wiener Donaukanal. Nun denkt er ans Aufhören. Genug ist genug!

Tagtäglich, außer an Sonntagen, sperrt er um 20.15 Uhr sein Nachtkaffeehaus auf. Danach kann man im Grätzel die Uhr stellen. Warum in Internetforen immer wieder behauptet wird, dass er nur dann aufsperrt, wenn er Lust dazu hat, können weder er noch seine Stammgäste nachvollziehen.

Dieser "Schmarrn", den "die Internetseppeln" voneinander abschreiben, hat ihn zwar anfangs etwas geärgert, weil das ja auch in der realen Welt weiterverzapft wird, aber mittlerweile ist ihm das alles egal. Seine große Leidenschaft gilt dem Sammeln von alten Prateransichten, von denen er bereits Tausende zusammengetragen hat, was ihn eine Stange Geld gekostet hat.

"Paradies-Menschen" im Wiener Prater

Aschanti im Tiergarten am Schüttel im Bereich des Praters, 1897.

Aschanti im Tiergarten am Schüttel im Bereich des Praters, 1897.© Sammlung Horky Aschanti im Tiergarten am Schüttel im Bereich des Praters, 1897.© Sammlung Horky

Im vergangenen Jahrzehnt hat er aus seinen Gasträumen sukzessive eine museale Stätte gemacht. Heute gibt es im ganzen Lokal kaum noch ein Fleckerl an der Wand, das nicht mit historischen Prateransichten behängt ist. Wer genau schaut, findet ab und zu aber doch ein neues Sujet an der Wand. Erst kürzlich erwarb Horky die hier abgebildete Fotografie. Zu sehen ist darauf – in einer inszenierten "Küche" – eine Gruppe von westafrikanischen Aschanti, die im Jahr 1897 im "Tiergarten am Schüttel" im Bereich des Praters im Rahmen einer anno dazumal so beliebten "Völkerschau" die Sensationslust der Wiener befriedigten. Peter Altenberg hat diesen "Paradies-Menschen", wie er sie nannte, ein literarisches Denkmal gesetzt.

Hubert Horky hat seine Freude damit, dass sich nicht wenige Gäste für die alten Prateransichten begeistern können. Deshalb ist es ihm ein Anliegen, einen Betriebsnachfolger zu finden, der die Bilder an den Wänden belässt. Schon seit Jahren tragen sich bei ihm potenzielle Käufer an, es seien aber allesamt "Habenichtse" gewesen, die den Preis für die Ablöse des Interieurs aus den 1930er Jahren nicht berappen konnten. Eigentlich wollte er aber ohnehin nicht aufhören, weshalb frühere Ankaufsgespräche jeweils im Sande verliefen.

Information

Sammlung Horky im Kaffee Urania
1030 Wien, Radetzkystraße 24
Besichtigung während der Öffnungs-
zeiten: Montag bis Samstag 20.15–2 Uhr
Tel. 01/713 33 71

Seit es sich aber herumgesprochen hat, dass Horky mit dem Verkauf nun tatsächlich Ernst machen will, sind binnen zwei Monaten gleich fünf verbindliche Anbote eingelangt. Stammgäste sind infolgedessen besorgt um die einzigartige Aura, denn der Stil des Kaffeehauses und der Habitus des Wirts sind gleichermaßen in einer Art und Weise altvaterisch, wie es nirgendwo anders in Wien zu finden ist.

Angeblich ab Ende Februar 2016 soll Schluss sein mit dem Schmäh des Wirts im Kaffee Urania. Aber noch ist nichts entschieden. "Ich bin der älteste Kaffeesieder zwischen Scheibbs und Palermo", sagt Horky. Man wird sehen, ob er sich tatsächlich so rasch von seinem Refugium wird trennen können.

Print-Artikel erschienen am 23. Dezember 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-12-18 16:08:05
Letzte Änderung am 2018-02-23 23:23:16


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