• vom 21.12.2015, 15:42 Uhr

Museum

Update: 21.12.2015, 16:19 Uhr

Joseph Cornell

Miniaturwelten zum Staunen




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Kunsthistorische Museum zeigt Joseph Cornells fantastische Boxen zum Thema Fernweh.

Wien. Er liebte Weihnachten, wurde er doch am 24. 12. 1903 geboren: Joseph Cornell aus New York, der 1972 nach einem nur scheinbar unspektakulären Leben verstorben ist. Seine behütete Kindheit war voll mit Zirkus, Oper, Ballonen und Ballerinas, Vögeln, dem Nachthimmel und vielen kleinen Dingen, die er in Manhattan und auf Long Island bei Streifzügen sammelte. Antiquariate, Archive und Kurzwarengeschäfte regten seine Fantasie und Sammelleidenschaft an; er hörte Radio, las viel und liebte die alten Meister europäischer Museen, die er nur durch Gedankenreisen kannte. Die typisch amerikanische Technikbegeisterung kombinierte er. Methodistische Erziehung und Pflichtbewusstsein mischte sich mit Freude am Kinogang, an Zug- und Radfahrten.

Joseph Cornell schuf rätselhafte Wunderkammern im Taschenformat.

Joseph Cornell schuf rätselhafte Wunderkammern im Taschenformat.© Joseph and Robert Cornell Memorial Foundation Joseph Cornell schuf rätselhafte Wunderkammern im Taschenformat.© Joseph and Robert Cornell Memorial Foundation

Sammlung aus Gläsern, Muscheln und Steinen

Er legte ein eigenwillig geordnetes Archiv von Filmen, Schallplatten, Stichen bis hin zu Steinen, Gläsern und Muscheln an, das ihn haptisch wie optisch zum Arbeiten anregte. Als sein Vater starb, war er tagsüber als Textilverkäufer in Manhattan tätig, nachts als Autodidakt am Küchentisch, bis er sich 1940 im Keller seines bescheidenen Elternhauses in Queens ein Atelier einrichtete.

Am 21. 12. 1943 weilte die Wiener Staatsoperntänzerin Tilly Losch für ein Gastspiel in New York. Als Verehrer schrieb er ihr einen collagierten Brief, der heute in einem Universitätsarchiv lagert. Dabei kombinierte er ihr Foto mit einem auf der Schreibmaschine getippten Schriftblock in Form eines Weihnachtsbaums, behängt mit Sternen und einer Spule. Nachdem er erfuhr, dass sie seine gemeinsame Ausstellung mit Marcel Duchamp und Yves Tanguy in der Julien Levy Gallery besucht hatte, brachte er diesen als Geschenk ins Hotel Ambassdor. Losch und er lernten sich daraufhin 1944 kennen und wurden Freunde. Eine bezaubernde Box zeigt sie über der Bühne schwebend.

Cornells Schaukästen entfalten ganze Miniaturwelten, die er hinter Glas zu eigenen kleinen Bühnen des Lebens kombinierte, die damals von Levy als "Spielzeuge für Erwachsene" vertrieben wurden, heute als besondere Kunstwerke gelten. Die meisten gehören Museen und Privaten in Amerika und Japan, auch vielen Künstlern. Seit 30 Jahren war Cornells Werk wenig zu sehen und für Österreich ist die Kooperation mit der Royal Academy in London eine erste Personale mit etwa 80 Werken.

Vier Jahre Vorbereitung verraten, wie schwierig die Leihgaben zu bekommen, aber auch in ihrer Fragilität zu transportieren sind.

Der Nobelpreisträger für Literatur 2006, Orhan Pamuk, hat sich bei seinem "Museum of Innocence" in Istanbul von der Liebe zu den kleinen Dingen Cornells anregen lassen und verhalf dem Museum am 15. 12. zur Ehre eines begleitenden Gesprächs. Die ehemaligen Assistentinnen von Cornell sind mit Yayoi Kusama und Carlolee Schneemann die bekanntesten feministischen Performerinnen der 1960er und 1970er Jahre, aber auch Yoko Ono besuchten den Künstler in seinem Atelier in Queens an der schönen Adresse Utopian Parkway Nr. 3708.

Die Besucherliste von Mark Rothko bis Lee Miller ist lang und kein Geringerer als Marcel Duchamp verdankt ihm den berühmten Lederkoffer für die Zusammenfassung seiner Hauptwerke: "Boîte-en-Valise" von 1941. Cornell, der seine Sammlung arrangierte und ordnete, sägte, hämmerte und klebte sowie die Boxen mit architektonischer Anleitung durch Willem de Kooning verschraubte, schnitt auch Experimentalfilme zusammen und gab den Surrealisten, abstrakten Expressionisten und zuletzt Vertretern der Minimal- und Konzeptkunst diverse Anregungen.

Alltagsgegenstände mit
üppigen Kitschelementen

Obwohl er nicht den wilden Avantgarde-Künstlertypus des 20. Jahrhunderts verkörpern wollte, war er nicht bürgerlich und mischte grenzüberschreitend Medien. Lange vor der Postmoderner verband er souverän unscheinbare Alltagsgegenstände mit üppigen Kitschelementen und löste mit den Popkünstlern Andy Warhol und Jasper Johns den Unterschied zwischen "high and low" auf. Es ist unklar, ob nicht er die Dripping-Methode Jackson Pollocks, das Nageln von Bildern Yoko Onos sowie die serielle Anordnung von Fotografien in geometrischen Blöcken von Warhol vorwegnahm - bei ihm gibt es "Mona Lisa" aufgeteilt auf kleine Dosen. In einer Galerieausstellung von 1949 zeigte er eine Serie weiß gestrichener Boxen nahe den abstrakt-konkreten Werken Piet Mondrians. Die beiden diskutierten über Geometrie und Theosophie.

Cornell war nach einem Magenleiden 1925 der "Christian Science"-Sekte beigetreten, die mit Meditation und Glauben an den reinen Geist keine Schulmedizin duldet, jede physische Objektivität ablehnt und somit Sünde, Krankheit und Tod als weltliche Illusion verleugnet. Nach dem Tod des Vaters sorgte er für Mutter und Bruder, der durch Gehirnlähmung im Rollstuhl saß und zeichnete sowie mit Modelleisenbahnen beschäftigt war.

Nach der Brotarbeit, zuletzt Layout-Gestaltung für Avantgardemagazine wie "View", aber auch "Life", konnte er sich ab 1941 in seinem Keller-Laboratorium allein den Boxen widmen. Damals war ihm längst der künstlerische Erfolg durch prominente Galerien und Museumsausstellungen sicher. Doch Cornell verkaufte nicht gerne, er gab seine Schaukästen lieber an Kinder, Nachbarn und Künstler, die jene liebten, und beschimpfte Peggy Guggenheim, wenn sie Interessenten fand, oder lehnte Leo Castelli als Galeristen ab. Passend war seine Vorliebe für Doppelbegabungen, denen er wie dem Mathematiker-Philosophen Blaise Pascal oder dem Musiker-Astronom Wilhelm Herschel "Kabinen des Geistes" (so ein Kritiker) widmete.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-12-21 15:47:05
Letzte Änderung am 2015-12-21 16:19:02


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