• vom 24.03.2016, 00:15 Uhr

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Update: 08.07.2017, 01:45 Uhr

Museumsstücke

Haydns Witwersitz in Gumpendorf




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Von Johann Werfring

  • Das Haus, in dem Joseph Haydn seine letzten zwölf Jahre verbrachte und in dem er auch verstarb, ist heute wie ehedem Pilgerstätte seiner Verehrer.

Die letzte Visitenkarte von Joseph Haydn, 1803. - © Wien Museum

Die letzte Visitenkarte von Joseph Haydn, 1803. © Wien Museum

Bekanntlich macht der Mensch in seiner letzten Lebensphase nicht nur äußerlich eine auffällige Veränderung durch. In nicht wenigen Fällen vergröbern sich Charakterzüge, die ohnedem schon zuvor vorhanden waren. Typen mit cholerischem Naturell etwa entpuppen sich in fortgeschrittenem Alter meist als ausgesprochene Grantler. Andere wiederum entwickeln eine ausgesprochene Altersmilde.

Eine besonders liebenswürdige Art, gepaart mit feinsinniger Ironie dem sich zu Ende neigenden Leben gegenüber entwickelte der Komponist Joseph Haydn (1732–1809). Er wohnte in seinen letzten zwölf Lebensjahren in der Nähe von Gumpendorf. Die Gegend dieser Vorstadt hatte damals noch einen ausgesprochen ländlichen Charakter.

Information

Haydnhaus
1060 Wien, Haydngasse 19
Di bis So und Feiertag 10–13 Uhr
und 14–18 Uhr
Tel. 01/596 13 07
www.wienmuseum.at

Ausfindig gemacht hatte das Haus Haydns Ehefrau Maria Anna, die ihm 1792 unverblümt erklärt hatte, dass sich dieses Gebäude ideal als deren "Witwensitz" eigne. Haydn kaufte das Haus 1793, ließ es aufstocken und bewohnte es ab 1797. Indes kam es anders als es sich dessen Frau gedacht hatte, denn diese verstarb im Jahr 1800, und zwar neun Jahre vor Joseph Haydn, dem das Haus, das er wegen seiner ausgesprochenen Ruhelage schätzte, nun als "Witwersitz" diente.

Das Haydnhaus im 6. Wiener Gemeindebezirk.

Das Haydnhaus im 6. Wiener Gemeindebezirk.© Johann Werfring Das Haydnhaus im 6. Wiener Gemeindebezirk.© Johann Werfring

Das Haus in der heutigen Haydngasse, in dem der geniale Komponist bedeutende Spätwerke, darunter "Die Schöpfung" und "Die Jahreszeiten", schuf, war permanent von bis zu sechs Dienstboten bevölkert, die gewissermaßen nach dem Tod seiner Frau die Familie von Joseph Haydn darstellten. Eine herausragende Position hatten unter ihnen die Köchin Anna Kremnitzer sowie sein Diener und Notenkopist Johann Elßler inne. Beide wurden später großzügig als Erben bedacht. Nicht nur die Dienstboten, sondern auch alle möglichen Besucher, ja sogar Haydns Papagei sprachen den bejahrten Komponisten mit dessen Beinamen "Papa" an.

Feinsinnige Selbstironie

In den letzten Jahren seines Lebens verließ Haydn kaum noch das Haus. Erhielt er Einladungen, so schickte er als Entschuldigung seine selbstironisch gestaltete Visitenkarte. Abgedruckt sind darauf die ersten Verse des dreistrophigen Gedichts "Der Greis" von Johann Wilhelm Ludwig Gleim, das Joseph Haydn 1796 vertont hatte:

Joseph Haydn, Bleistiftzeichnung von George Dance, 1794.

Joseph Haydn, Bleistiftzeichnung von George Dance, 1794.© Wien Museum Joseph Haydn, Bleistiftzeichnung von George Dance, 1794.© Wien Museum

1. Hin ist alle meine Kraft! / Alt und schwach bin ich; / Wenig nur erquicket mich / Scherz und Rebensaft!
2. Hin ist alle meine Zier! / Meiner Wangen Roth / Ist hinweggeflohn! Der Tod / Klopft an meine Thür!
3. Unerschreckt mach’ ich ihm auf; / Himmel, habe Dank: / Ein harmonischer Gesang / War mein Lebenslauf!

Im Jahr 1806 schickte Haydn sein letztes Streichquartett an seinen Verlag. Auch dieser Postsendung legte er die im Alterston gehaltene Visitenkarte bei. Da er den dritten Satz dieses Streichquartetts nicht mehr vollenden konnte, wies er den Verleger an, anstelle dieses Satzes die Visitenkarte mit abzudrucken.

Am 31. Mai 1809, um ein Uhr Früh, verschied Joseph Haydn in seinem Haus in Gumpendorf an "Entkräftung", wie überliefert ist. Seine Dienstleute hatten ihm am Sterbebett Beistand geleistet. Tags darauf wurde er am Hundsthurmer Friedhof beerdigt. Da zu jener Zeit in Wien Krieg herrschte, erfolgte die Beisetzung nur im kleinen Kreis.

Print-Artikel erschienen am 24. März 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7





Schlagwörter

Museumsstücke, Joseph Haydn

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-03-21 15:59:05
Letzte Änderung am 2017-07-08 01:45:15


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