• vom 29.12.2016, 00:00 Uhr

Museum

Update: 24.05.2017, 03:41 Uhr

Museumsstücke

Meister der Falten und des Ausdrucks




  • Artikel
  • Lesenswert (26)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Johann Werfring

  • Ein barockes Happening ersten Ranges vermitteln die Skulpturen des genialen Bildhauers Johann Georg Pinsel im Winterpalais des Prinzen Eugen.

Sowohl die Physiognomien als auch der Faltenwurf werden je nach Perspektive äußerst unterschiedlich wahrgenommen. Links die in etwa vom Künstler intendierte Perspektive (von unten), rechts der frontale Blick auf die Skulpturen in der Ausstellung. - © Johann Werfring

Sowohl die Physiognomien als auch der Faltenwurf werden je nach Perspektive äußerst unterschiedlich wahrgenommen. Links die in etwa vom Künstler intendierte Perspektive (von unten), rechts der frontale Blick auf die Skulpturen in der Ausstellung. © Johann Werfring

Johann Georg Pinsel (gest. 1761/62) war der bedeutendste und einflussreichste Bildhauer des 18. Jahrhunderts in der Gegend um Lemberg (heute L’wiw). Die Region gehört zur Ukraine und war zu Lebzeiten Pinsels Teil der Adelsrepublik Polen-Litauen.

Bemerkenswerterweise ist über das Leben und Wirken des genialen Künstlers vor seinem Erscheinen in dieser Gegend so gut wie nichts bekannt. Womöglich ist er in Wien aufgewachsen – das ist aber eine reine Mutmaßung, die in den Quellen nur schwach gestützt ist. Die Frage, wer seine Lehrmeister waren, kann trotz intensiver Forschung nicht einmal ansatzweise beantwortet werden. Fest steht, dass er eine eigene, sehr originelle Formensprache generiert hat. Auffallend sind vor allem die extravaganten Faltenwürfe der Skulpturen und die Ausdrucksstärke punkto Physiognomien und Körperpartien.

Information

Himmlisch!
Der Barockbildhauer Johann Georg Pinsel

Winterpalais
1010 Wien, Himmelpfortgasse 8
Täglich 10–18 Uhr
bis 12. Februar 2017

Einen Gutteil seiner Werke schuf Pinsel für Kirchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg fielen nicht wenige der eindrucksvollen Kunstwerke infolge der kulturverachtenden Maßnahmen des kommunistischen Regimes der Zerstörung anheim. Kirchen wurden damals als Lagerhäuser zweckentfremdet respektive mutwillig der Verwahrlosung preisgegeben. Skulpturen und sonstiges Interieur wurden verwüstet oder sogar als Brennholz verwendet.

Die hier abgebildeten Figuren, darstellend die "Opferung Isaaks" durch Abraham, stammen aus der römisch-katholischen Pfarrkirche in Hodowycja (poln. Hodowica), die heute als Ruine ein trauriges Dasein fristet. Pinsel hatte, in Abstimmung mit dem Architekten der Kirche, Bernard Meretyn, die Figurenausstattung des Hochaltars übernommen. Pinsel und Meretyn gestalteten den Altarraum in der Form eines sakralen Theaters (Theatrum sacrum). Die Skulpturen Pinsels waren bis hinauf zum Kreuz in eindrucksvoller Weise pyramidal angeordnet. Meretyn hatte durch eine versteckte Nische den Zutritt von indirektem Tageslicht und damit eine überaus subtile Beleuchtung des Hochaltars ermöglicht.

Die Szene der "Opferung Isaaks" entfaltete, wie auf einer Fotografie aus den 1930er Jahren ersichtlich ist, auf einem hohen Podest raumgreifend ihre Wirkung. Ein Wermutstropfen in der Ausstellung ist die viel zu niedrige Positionierung der Figuren – die hohen Räume des Winterplais’ hätten durchaus eine adäquatere Aufstellung mit authentischer Perspektive ermöglicht.

Wie anhand des linken Bildes nachzuvollziehen ist, kommt bei der knapp über Bodenniveau getätigten Fotoaufnahme der für Pinsel so typische Faltenwurf völlig anders zur Geltung. Das rechte Bild macht deutlich, dass aufrecht stehenden Betrachtern die ausdrucksstarken Physiognomien größtenteils (im Falle Abrahams) respektive völlig (im Falle Isaaks) verborgen bleiben. Trotz dieses Schönheitsfehlers ist die Schau in ihrer Gesamtheit grandios!

Print-Artikel erschienen am 29. Dezember 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-12-23 19:18:05
Letzte ─nderung am 2017-05-24 03:41:51



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der Irrsinn der Macht
  2. Erbarmungslos schön
  3. Spiellaune und Schwung
  4. Drei Säulen auf unsicherem Fundament
  5. Dynamisch italienisches Duo
Meistkommentiert
  1. Helene Fischer muss zwei Wien-Termine streichen
  2. Spiel dich – verkühl dich nicht!
  3. Der Irrsinn der Macht
  4. Drei Säulen auf unsicherem Fundament

Werbung




Bille August.

Am Donnerstag, 15. Februar 2018, ging die Eröffnung der 68. Berlinale über den roten Teppich. Zahlreiche Stars aus nah und fern waren mit dabei.

Wissensdurstig, neugierig, seelenvoll und nachdenklich sieht David Bowie auf den Aufnahmen aus. Hier in August Wallas Zimmer. Die 75. Golden Globes wurden zur Bühne der Frauen mit einer Kampfansage an Sexismus, Missbrauch und Benachteiligungn. "Ich möchte, dass heute alle Mädchen wissen, dass ein neues Zeitalter am Horizont anbricht", sagte die US-Entertainerin Oprah Winfrey in ihrer Dankesrede nach Empfang des Ehrenpreises für ihr Lebenswerk - und rührte viele im Saal zu Tränen. "Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren." Deren Tage seien nun gezählt. Jetzt müssten alle dafür kämpfen, dass es in Zukunft niemanden mehr gibt, der als Opfer "Me too" sagen muss, mahnte Winfrey. Zur ganzen Rede

Werbung



Werbung