• vom 30.05.2017, 16:16 Uhr

Museum

Update: 30.05.2017, 18:49 Uhr

Ausstellungskritik

Zeitlose Körper




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Leopold Museum widmet dem Bildhauer Joannis Avramidis eine umfassende Werkschau.

Joannis Avramidis , Bandfiguren, 1990, Öl auf Leinwand. - © Atelier Joannis Avramidis, Wien

Joannis Avramidis , Bandfiguren, 1990, Öl auf Leinwand. © Atelier Joannis Avramidis, Wien

Noch zu Lebzeiten ist die retrospektive Schau auf das Werk des griechisch-österreichischen Bildhauers Joannis Avramidis (1922- 2016) im Leopold Museum geplant worden. Als Auftakt konnte im Hof des Museumsquartiers, trotz großer bürokratischer Hürden, eine seiner utopischen Ideen umgesetzt werden: Die "Humanitätssäule" blieb Teil einer Planung für einen Tempel aus Skulpturengruppen 1993-
1996 und lag davor in vielen Teilen im Garten des Praterateliers. Nun dominiert die Menschensäule mit 13,22 Metern den Innenhof vor dem weißen Museumsblock bis zum Herbst. Weniger ihre Höhe als das Gewicht der Bronzen war dabei das Problem für die Aufstellung.

Griechischen Antike in der Gegenwart

Information

Joannis Avramidis
 Leopold Museum
bis 4. September

Dem Rundtempel selbst ist im Erdgeschoß der letzte Raum und das vierte Kapitel der nicht chronologisch, sondern inhaltlich gegliederten Ausstellung gewidmet. Er ist als unvollendete Form aufgestellt: Auch im Spätwerk bleibt der Mensch das Maß aller Dinge und die vielteilige Figurengruppe verfolgt, im offenen Kreissegment, das von Avramidis zentrale Prinzip demokratischer Isokephalie - die gleiche Höhe der Köpfe haben auch die Gruppe seiner Bandfiguren (Kapitel 3), die den Künstler vor allem in den 1970er Jahren beschäftigten. In ihnen fand Werner Hofmann in seiner 2011 publizierten letzten Monografie nicht nur die Symbolik des antiken Mäanders, sondern auch die für Avramidis typische "Gleichung von organischer Entfaltung und geometrischer Norm". Mit der Verortung der griechischen Antike in der Gegenwart kommt es vor allem zur zeitlosen Erscheinung seiner Werke. Die orthogonalen Bänder stellen zwar auch menschliche Figuren in Bewegung und ihre Interaktion dar, negieren aber gleichzeitig das Künstlerische - wie die minimalistischen Konstruktionen in der damaligen Entwicklung der Skulptur von der Gruppe Zero und in Amerika. Es dominieren abstrakte Konstruktionsprinzipien, die vom industriellen Material Aluminium unterstützt werden.

Auf der Suche nach der absoluten Figur

Avramidis ging - wie auch die Minimalisten - von Konturen zeichnerischer Konstruktion aus und wollte als Resultat die "absolute Figur": eine allgemein verständliche universelle Zeichensprache nach der realen menschlichen Gestalt. Dazu kommt seine Methode, von einer Mittelachse ausgehend, mit Kugelschnitten Anflüge organischen Wachstums in Säulen und Bänder umzuwandeln. Dabei ist auch der Baum eine grundlegend symbolische Form und die Variation der Kreissegmente variabel.

Die ersten beiden Kapitel widmen sich den Anfängen mit Kopf und der dem schreitenden archaisch-griechischen Kuros verwandten Figur. Die frühen griechischen Plastiken waren Weihegeschenke für die Göttin Athena und dieser metaphysische Funke bleibt bei Avramidis neben lyrischer Sinnlichkeit in den sich säulenhaft entwickelnden Figurengruppen erhalten. Malerei und Kunsttheorie tauchten im Studium bei Maler Robin Christian Anderesen auf, die Proportionslehre der Renaissance etwa von Piero della Francesca entdeckte er als Maßästhetik für sich. Neben der Ausbildung zum Restaurator schuf Avramidis mit 31 Jahren 1953 eine erste Kopfskulptur im Bildhaueratelier Fritz Wotrubas. Sie machte Furore, da sein Interesse mehr dem Werk Constantin Brancusis galt als der Wiener Bildhauerei, wie Robert Fleck im Katalog für den "Großen Kopf" von etwa 1970 mit dem wesentlichen Säulenprinzip seiner Bronzeskulpturen begründet. Mit etwa 100 Werken, davon 40 Skulpturen, gelingt den Kuratoren Stephanie Damianitsch und Ivan Ristić ein neuer, umfassenderer Zugang zu diesem Werk.

Dass seine Köpfe nebenbei den Charakter einer Schaufensterpuppe haben, machte Franz West früh auf Avramidis aufmerksam. Der Schwarzmeergrieche, geboren im heutigen Georgien, musste nach Ermordung seines Vaters durch das stalinistische Regime mit Mutter und Geschwistern nach Athen flüchten. Durch die Nationalsozialisten wurde er als Zwangsarbeiter nach Wien verschleppt, wo er ab 1945 studierte. Avramidis fiel schon mit seinem Biennalebeitrag von 1962 in Venedig auf, wurde bekannt, bekam eine Professur an der Akademie, den Staatspreis und internationale Ausstellungsvertretungen. Heimisch fühlte sich der "Hellene" (seine Selbstbeschreibung) auch mit Familie in Wien nie, daher schenkte er viele seiner Skulpturen der Athener Nationalgalerie.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-05-30 16:20:11
Letzte Änderung am 2017-05-30 18:49:32


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