• vom 17.04.2018, 08:00 Uhr

Museum

Update: 17.04.2018, 11:09 Uhr

Architekturzentrum Wien

Das gebaute Scheitern einer Utopie




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Von Judith Belfkih

  • Das Architekturzentrum Wien widmet sich anlässlich des Republiksjubiläums dem sozialen Wohnprojekt "Stadt des Kindes".

"Stadt des Kindes": gebaut 1969 bis 1974 von Anton Schweighofer und Wilfried Kirchner (Freiraum-Gestaltung).

"Stadt des Kindes": gebaut 1969 bis 1974 von Anton Schweighofer und Wilfried Kirchner (Freiraum-Gestaltung).© Architekturzentrum Wien "Stadt des Kindes": gebaut 1969 bis 1974 von Anton Schweighofer und Wilfried Kirchner (Freiraum-Gestaltung).© Architekturzentrum Wien

Das Jahr 1968 war nicht nur jenes der Studentenunruhen, der sozialen Utopien und damit der ersten Hochblüte der Hippie-Bewegung mitsamt wallender Haare, Blumenkleidern und bewusstseinserweiternden Substanzen. Das Jahr 1968 ist auch eine Schwester von 2018 und damit das Gedenkjahr zum 50. Geburtstag der Republik. Die Stadt Wien nahm dieses Jubiläum 1968 zum Anlass für einen Architekturwettbewerb für die "Stadt des Kindes".

Gewonnen hat ihn der Wiener Architekt Anton Schweighofer, dessen Entwurf in den Jahren 1969 bis 1974 in der Weidlingau im Westen Wiens auch realisiert wurde. Bis zu 300 verwaiste oder gefährdete Kinder und Jugendliche zwischen drei und neunzehn Jahren waren dort untergebracht, in familienähnlichen Wohneinheiten und in zwei großen Jugend-Wohngemeinschaften in einem auch für die Nachbarschaft offenen Stadtzentrum. Kleine (teils versperrbare) Wohneinheiten, die auch Raum für Intimität schaffen und sehr viel Freiraum - inklusive Rodelhügel, Vogelnistplätzen, Bächlein, Sportplätzen für Tennis oder Kugelstoßen sowie einem Schwimmbad. Als soziale Utopie sollte dadurch ganz im Geiste des Wohlfahrtstaates der 1960er und 70er Jahre viel mehr entstehen als ein großes Kinderheim: ein lebendiger, farbenfroher und kindgerechter Begegnungsort für alle.

Information

Ausstellung

Die Stadt des Kindes:

Vom Scheitern einer Utopie

Architekturzentrum Wien

Monika Platzer (Kuratorin)

bis 28. Mai

Das Architekturzentrum Wien öffnet in Erinnerung an das historisch einmalige Projekt - es ist eine der wenigen realisierten architektonischen Utopien - sein Depot und zeichnet in der Reihe SammlungsLab die Konzeption, die Entstehung, das Scheitern, den Abriss und die heutige Nutzung des Projektes nach.

Viel Licht und Schatten

Übersichtlich in einem Raum konzentriert sind etwa Anton Schweighofers sehr konkrete und lebendige Skizzen seiner utopischen Kinder-Stadt zu sehen, dazu Baupläne und historische Fotos mit lachenden Jugendlichen. Auf der anderen Seite belegen Filmaufnahmen in den damals jahrelang leerstehenden Gebäuden das bauliche und soziale Scheitern der Utopie und zeigen in Interviews mit Pädagogen und ehemaligen Bewohnern die Schattenseiten dieses vermeintlich idealen Ortes auf. Die "Stadt des Kindes" wurde 2002 aufgrund veränderter pädagogischer Konzepte geschlossen, 2008 teilweise abgerissen und als Wohnanlage adaptiert.

Was die sozialen Gründe für das Zerbrechen der gebauten Utopie waren, darum kümmert sich die Schau kaum. Sie setzt den Fokus auf architektonische Aspekte, hat etwa eine der Jugendmaisonetten mit Originalinventar aufgebaut. Und sie stellt Fragen. Darüber, was Architektur für das Zusammenleben leisten kann - und was eben nicht; darüber, was es zum Gelingen eines idealistischen Ansatzes braucht - präzise Vorgaben oder ein offenes Konzept? Oder darüber, was geblieben ist vom 1968 propagierten Wien als "Großstadt mit sozialem Gewissen".





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-16 17:27:18
Letzte Änderung am 2018-04-17 11:09:21


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