• vom 02.05.2018, 19:30 Uhr

Museum


Ausstellung

Stolze Nacktheit




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Von Judith Belfkih

  • Das Architekturzentrum erinnert mit "SOS Brutalismus" an ein umstrittenes bauliches Erbe.

Dem Verfall preisgegeben: die Trinkhalle im Kongresszentrum Bad Gastein.

Dem Verfall preisgegeben: die Trinkhalle im Kongresszentrum Bad Gastein.© AzW/Erich André Steiner Dem Verfall preisgegeben: die Trinkhalle im Kongresszentrum Bad Gastein.© AzW/Erich André Steiner

Ein Verstecken gibt es hier nicht. Nicht hinter einer dicken Schicht Putz oder flauschiger Wärmedämmung. Nicht einmal unter dem feinen Anstrich mit fröhlicher Farbe. Die innere Struktur ist zugleich äußere Hülle - ob wuchtig mächtig oder filigran balancierend. Und diese nackte Form tragen die Bauten aus rohem Sichtbeton nicht ohne Stolz vor sich her. Einige zelebrieren ihre Rohheit geradezu. Für ihre ungeschminkte bauliche Wahrheit wurden die zwischen Mitte der 1950er und Ende der 1970er Jahre entstandenen Gebäude unter dem Kennwort Brutalismus gleichermaßen geliebt wie verachtet - bis heute.

Aktuell erleben die grauen Riesen eine mediale Renaissance. Sie tauchen als höchst fotogene Stars von Instagram-Accounts auf und schmücken so manches Facebook-Profil. Klarheit bis Kargheit, Reduziertheit und Ehrlichkeit, aber auch ein Hauch des Modernen, des Fantastischen und des Gemeinschaftlichen - es gibt neben der gerade beginnenden historischen Distanz viele Gründe für die wiederentflammte Faszination dieser oft skulpturalen Bauwerke.

Information

Ausstellung
SOS Brutalismus.
Rettet die Betonmonster
Architekturzentrum Wien
bis 6. August

Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) hat sich daher mit der Wüstenrot Stiftung eine Art internationale Bestandsaufnahem vorgenommen, zuerst online als offene Datenbank, mit dem Ziel brutalistische Architektur in ihrem heutigen Zustand zu zeigen und eine Art Artenschutzprogramm zu etablieren, später in Form einer Auswahl auch als Austellung. Bis Anfang April war die daraus entstandene Schau in Frankfurt zu sehen, nun ist sie - um ein Österreich-Kapitel erweitert - im Architekturmuseum Wien zu Gast.

Brutalistische Architektur entstand auf allen Kontinenten, verbreitete sich rasch - und vor allem über ideologische Grenzen hinweg. Was sie jedoch überall war: eine Architektur des Aufbruchs. Seinen Ausgang nahm der Brutalismus im London der 1950er Jahre: "Es waren junge Wilde, die hart und roh gebaut haben - quasi die Punk-Bewegung der Architektur", sagt Oliver Elser vom DAM. Schließlich prägte der Brutalismus eine ganze Architekturhaltung. Nicht nur die naheliegenden Vorzüge von Wirtschaftlichkeit, geringer Wartung und vielfältiger Oberflächengestaltung überzeugten - der oft mitgedachte soziale Begegnungsraum faszinierte ebenso wie die offensichtliche Reduktion sowie die mannigfaltige Formensprache.

Der Duft von Holz

Die Schau in Wien irritiert zu aller erst einmal. Beim Betreten der Halle im Museumsquartier riecht es nach Holz - eine unerwartete sinnliche Begleitung. Der Grund sind die zentralen bis knapp zwei Meter hohen Modelle aus Karton und Holz - solche aus Beton gibt es zwar auch, doch sie überschreiten die Größe einer Schuhschachtel kaum. Aus Karton verlieren die Bauten viel an ihrer archaischen Wirkung, hier hätten die Austellungsmacher tiefer in die Materialkiste greifen können.

So sind es vor allem die vielen Fotografien, von denen die Schau lebt. Sie zeigen den internationalen Reichtum der vielen Spielarten des Brutalismus - vom Kino in Armenien, das die Grenzen der Statik über einen schwebenden Vorbau auszuloten versucht, über zahlreiche Universitäten, kugel- oder sternförmige Wohnkomplexe bis zur solitären Markthalle in Tansania. In der Schau sind erstaunlich viele sakrale Bauten vertreten - sie stießen im Gegensatz zu den weltlichen kaum auf Unliebe der Benutzer. Die Kargheit des Sichtbetons stieß als reduzierte Insel in der Konsumflut auf positive Resonanz.

Viele der Gebäude sind heute von Abbruch bedroht, überbaut oder stehen nicht mehr. Auch im Falle der österreichischen Beispiele. Hier reicht der Bogen von der Wotruba-Kirche in Wien und der Osterkirche in Oberwart über das Kongresszentrum in Bad Gastein bis zum Internat Mariannhill in Landeck in Tirol von Sichtbeton-Pionier Norbert Heltschl.

Die seit kurzem feststellbare Trendumkehr in der Beurteilung des Brutalismus sei wohl auch "einer Nostalgie nach einem starken Staat" geschuldet, so Elser: "Im Brutalismus tritt oftmals der Staat als Akteur auf. Es ist ein Staat, der sich sehr für Architektur interessiert hat, für eine Art von ,social engineering‘."

Letzte Zweifler am Comeback des Betons werden mit einem grauen Flacon eines Besseren belehrt. Im Vorjahr brachte Comme des Garçons ein neues Parfum auf den Markt: "Concrete".





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-05-02 17:24:42
Letzte Änderung am 2018-05-02 17:32:08



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