• vom 16.05.2018, 15:57 Uhr

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Jüdisches Museum

Lebensretter Trauschein




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Von Judith Belfkih

  • "Scheinehen ins Exil": Das Jüdische Museum erzählt die Geschichte von Frauen in der NS-Zeit.

Rettete sich durch eine Scheinehe ins Exil nach Frankreich: die spätere Ärztin Rosl Ebner.

Rettete sich durch eine Scheinehe ins Exil nach Frankreich: die spätere Ärztin Rosl Ebner.© Jüdisches Museum Rettete sich durch eine Scheinehe ins Exil nach Frankreich: die spätere Ärztin Rosl Ebner.© Jüdisches Museum

"Wir heirateten, er war bezahlt. Dann sagte er: ‚Ich bin nicht aus Holz.‘ Und dachte, ich hätte verstanden. Mein Gott, was habe ich nur getan? Ich habe meinen Pass geschnappt und musste davon."

In einer ähnlichen Situation wie die Wiener Tänzerin Stella Mann fanden sich wohl unzählige jüdische Frauen Ende der 1930er Jahre wieder. Sie nutzten eine Scheinehe, um ins Ausland und damit dem NS-Regime zu entkommen; und sie bezahlten für ihr Überleben, für ihre erkaufte und teils nur vorübergehende Sicherheit oft einen hohen Preis: Auf die Flucht vor der Verfolgung folgte mitunter die vor den vermeintlichen ehelichen Pflichten und erpresserischen Abhängigkeiten.


Die Scheinehe erhielt in der NS-Zeit an Brisanz und an politischer Bedeutung. Wie viele von Verfolgung bedrohte Frauen - und nur ihnen war es möglich, die Nationalität des Ehepartners anzunehmen - den Trauschein in den Jahren 1938 und 1939 als letzten Ausweg ins Exil wählten, ist nicht bekannt. Das Jüdische Museum Wien hat an die 100 Fälle von Frauen aufgearbeitet, die durch eine Ehe mit einem ausländischen Staatsbürger das Land verlassen konnten. 13 dieser bemerkenswerten Frauenschicksale sind nun in der Dependance am Judenplatz in einer ebensolchen Ausstellung nachgezeichnet.

Die dafür ausgewählten Biografien sind oft exemplarisch für viele weitere, zeigen Parallelen auf. Was sie fast alle eint: Die Frauen schwiegen lange über ihre Scheinehen und die daraus entstandenen Doppelleben - um die Kinder zu schützen oder die späteren Partner. Die Motivation der Frauen war klar: Sie kämpften ums Überleben und nahmen die vielen Risiken - von der Denunziation über Erpressung und sexuelle Übergriffe - bewusst in Kauf, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Motivation der Scheinehemänner war da vielschichtiger: Geld spielte eine zentrale Rolle, aber auch Solidarität und Hilfsbereitschaft. Manche Männer heirateten auch als Akt des Widerstandes oder um die eigene (damals meist noch strafbare) Homosexualität besser zu verbergen.

Bis das das Kriegsende
euch scheidet

Das Risiko dieser Scheinehen war hoch. Was rückblickend als legitime Überlebensstrategie angesehen wird, war damals eine strafrechtlich relevante Tat. Meist war ihre Genehmigung mit der Auflage verbunden, das Land zu verlassen. Die in der Ausstellung nachgezeichneten Biografien vermitteln jedenfalls das Bild von äußerst selbstbewussten und ebenso mutigen Frauen - von der politischen Aktivistin und Schriftstellerin Hilda Monte, der späteren Ärztin Rosl Ebner oder der Kunsthistorikerin Hilde Zaloscer, die beruflich motiviert ins ägyptische Exil heiratete. Nicht immer jedoch brachte die Ehe auf dem Papier die erhoffte Sicherheit. Die Violinistin Alma Rosé etwa schützte sie nach einer Denunziation nicht vor dem Konzentrationslager - sie sollte durch das Mädchen-Orchester von Auschwitz grausame Berühmtheit erlangen.

Doch auch mit Kriegsende, das das Ende der meisten Scheinehen bedeutete, waren die Schwierigkeiten vieler Frauen nicht vorbei. Die Rückkehr nach Österreich gestaltete sich ob der angenommenen fremden Nationalität oft als schwierig, mitunter vergingen etliche Jahre, bis Kinder den biologischen Vätern zugesprochen werden konnten, die Familienverhältnisse also auch formal den realen statt nur den scheinbaren entsprachen.

Die klar strukturierte Schau im Jüdischen Museum (Gestaltung: Gabu Heindl) zeichnet die Biografien in reduzierter Dichte nach, beleuchtet die Station der drohenden Verfolgung, der Scheinehe selbst und deren Auflösung nach 1945. Dass pro Biografie nur zwei bis drei Originalexponate - Dokumente, Kostüme oder Gemälde - die Schau begleiten, lenkt den Fokus klar auf die erschütternden Leben dieser starken Frauen.

Ausstellung

Verfolgt. Verlobt. Verheiratet.

Scheinehen ins Exil

Sabine Bergler, Irene Messinger (Kuratorinnen)

Jüdischen Museum Judenplatz

bis 7. Oktober




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Dokument erstellt am 2018-05-16 16:03:53


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