• vom 09.07.2018, 16:26 Uhr

Museum

Update: 09.07.2018, 16:39 Uhr

Ausstellung

Laboratorium des neuen Stils




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Möbelmuseum erforscht mit "Wagner, Hoffmann, Loos" das Möbeldesign der Wiener Moderne.

- © SKB/Edgar Knaack

© SKB/Edgar Knaack

Nach den Blicken auf das Gesamtkunstwerk im Historismus war es vor allem die Wiener Moderne um 1900, die mit neuen Entwürfen im Möbeldesign eine Reform des Wohnens etablierte, die bis heute wirkt. Nach der ersten Reform um 1860/70 mit Einflüssen aus England ist ab 1890 eine neue Generation in Baukunst und Kunstgewerbe am Zug. Im Jubiläumsjahr 2018 wird nicht nur des 100. Todestages von Otto Wagner gedacht, sondern auch Josef Hoffmann und Adolf Loos kommen mit einigen erhaltenen Zimmereinrichtungen samt ihren Auftraggebern und den herstellenden Firmen zu Wort.

Im Möbelmuseum hat Kuratorin Eva Beatrice Ottillinger nicht nur die von ihr gerettete und in den vergangenen Jahrzehnten angekaufte alte Einrichtung des Café Museum ausgestellt, für die Loos 1899 neben roter Lederpolsterung selbst Bugholzstühle von Thonet in hellem Rot wählte. Viele interessante moderne Ensembles kommen durch Leihgaben aus Wien, London und Paris bis Herbst für die Schau "Wagner, Hoffmann, Loos und das Möbeldesign der Wiener Moderne" zusammen. Das Themenjahr "Schönheit am Abgrund" könnte auch "Experiment Weltuntergang" (Werner Hofmann) heißen, denn es behandelt den Aufbruch der Avantgarde um 1900 mit nur wenigen Auftraggebern, meist liberalen jüdischen Bürgern der Stadt aus dem Stil des Historismus.

Information

Ausstellung

Wagner, Hoffmann, Loos

Eva Ottillinger (Kuratorin) Möbelmuseum bis 7. Oktober

Extravaganter Briefkasten

Eine erste Themeninsel ist Theophil Hansen und Michael Thonets ersten Bugholz-Stühlen gewidmet, ab 1890 war auch Joseph Maria Olbrich an der Reform beteiligt. Sein extravaganter Holzbriefkasten der Villa Bahr von 1899 erinnert an den viel diskutierten Bau der Secession. Neben Thonet sind Firmen wie J. & J. Kohn oder Portois & Fix wichtig. Auch die immer noch im Stadtbild gegenwärtige Würfeluhr der Uhrenfabrik Emil Schauers stammt von 1907.

Wagner selbst stattete seine erste Villa, aber auch seine Stadtwohnung in der Köstlergasse selbst aus - hier ist das gesamte Mobiliar des Damen- und auch Schreibzimmers seiner Frau von 1899 neben historischen Fotos, die auch die berühmte Glasbadewanne und Blumendekor zeigen, zu finden. Daneben die berühmten schwarzen Bugholzmöbel der Postsparkasse, der Ikone des neuen Bauens. Die Künstlerfreunde der Secession wie Ernst Stöhr um 1898, aber dann 1907 auch die k&k Hof- und Staatsdruckerei, ließen sich ihre Wohnungen und Geschäfte von Josef Hoffmann weiß oder schwarz einrichten. Dabei sind die Möbel des Esszimmers der bekannten Journalistin Bertha Zuckerkandl, Betreiberin eines Salons im Palais Lieben-Auspitz über dem Café Landtmann von 1916, die dort bis 1938 standen, danach floh ihre Besitzerin über Paris nach Algier.

Nicht überlebt haben viele Mitglieder der Familie Pollack, von der die Speisezimmereinrichtung mit Wandverkleidung von 1901 Hoffmann aus einer Wohnung am Brahmsplatz (heute Sammlung Hummel) die Vorliebe des Architekten und Designers für Quadrate, aber auch von Loos aufgenommene Einflüsse zeigen. Gustav Pollacks Lederfabrik in Atzgersdorf wurde schon 1926 geschlossen, er starb 1933, Frau und Sohn begingen 1941 Selbstmord, eine Tochter wurde in Auschwitz ermordet.

Loos’ puristische Einflüsse aus Amerika wurden kritisiert, sein Lebensthema Einrichten war gegen die Ornamente der Secessionisten gerichtet, ganz schmucklos sind seine Speisezimmer wie jenes für Eugen Stössler aber nicht. Seltsam sind sein "Knieschwimmer"-Fauteuil in Samt aus Prag um 1930 oder der fragile "Fanback" Mahagoni-Sessel. Der Schwester von Karl Kraus, Marie Turnowsky, richtete er das Damenzimmer mit schlichtem Dekor ein, der biedermeierliche Blumenstoff der Bezüge und die Rüschenlampe verwundern heute.

Elefantenrüsseltisch

Strenger ist das Herrenzimmer der Wohnung Roy um 1901/04 mit Lederbezügen und dem berühmten "Elefantenrüsseltisch" sowie dem ägyptischen Hocker. Georg Roy betrieb eine Maschinenfabrik, die bis zur Enkelin weitergeführt wurde. 1995 wurde das Haus in der Margaretenstraße abgerissen, die gesamte Wohnungseinrichtung blieb aber in Privatbesitz erhalten. In die Holzverkleidungen sind Reproduktion der Gemälde von Edward Burne-Jones, Dante Gabriel Rossetti oder Arnold Böcklins "Toteninsel" eingelassen, nicht der neueste Kunstschrei 1904, aber persönlicher Geschmack der Auftraggeber.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-09 16:32:01
Letzte Änderung am 2018-07-09 16:39:04


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