Eine wohlbekannte Frage aus dem der Freikörperkultur zugeneigten Erwachsenenfilm stellt sich ausgerechnet heute dann leider doch nicht: Warum liegt hier überhaupt Stroh rum? Zwar ist mit Kylie Minogue der Star des Abends angetreten, im Wiener Gasometer ein aktuelles Album zu präsentieren, das von einer Dienstreise nach Nashville inspiriert wurde und mit "Country"-Beigaben auch davon künden soll.

So direkt hinein in den Stadl geht es dann aber trotzdem nicht, obwohl sich bereits eingangs ein vertraglich zum Synchrontanz verpflichteter Personalstab aus im Wesentlichen Schränken von Männern darum bemüht, die nötige Dosis Wild-West-Feeling in den Betonbunker zu zaubern. Wo ist eigentlich Karl May, wenn man ihn einmal braucht?

Erdung mit Stromgitarre

Die Schränke von Männern sehen aus wie der Marlboro-Man oder der eine von den Village People, dem man seinerzeit im Fasching einen Walrossbart aufgeklebt hat. Es tut nach einer Musical-Inszenierung, wie man sie aus einschlägigen Maturabällen noch dunkel als Mitternachtseinlage in Erinnerung hat. Prost!

Kylie Minogue, die als Fremdkörper zwischen den Schrank-Männern in feinster Abendrobe und später in obligatorischen Glitzerpailletten aus dem Vorlass von Shirley Bassey zumindest optisch so sehr Diva ist, dass man sie in Kentucky mit der Mistgabel vom Hof jagen würde (wie will sie auf diesen Schuhen und mit den frisch gemachten French Nails auch den Acker bestellen?!), genehmigt sich auf der nur partiell bespielten Videowall einen ungefähr fünffachen Bourbon W-Hick-sey. Wir schreiben die erste Umziehpause, und die alte, auch aus dem gleichnamigen Film von David Lynch bekannte Samtballade "Blue Velvet" steht auf dem Programm.

Die Band im Hintergrund sieht dazu passend zumindest teilweise nach "Nashville" aus, indem sie sich einen Vollbart im Hipster-Look für den Gegenwert von drei in einer Plachutta-Filiale verspeisten Kalbswienerschnitzeln hat maßschneiden lassen. Auf der Videowall geht es für den mit der Stromgitarre auf Erdung gestimmten Block im Zeichen des Karohemds inklusive einer mindestens hemdsärmeligen Version von ausgerechnet "Can’t Get You Out Of My Head" mit dem Ford Mustang und sicherlich keinem E-Motor (haha!) über die Route 66. Wer sagt, dass der American Dream ausgeträumt sei, verbreitet Fake News. Man muss nur ganz fest daran glauben.

Einen Karrierehöhepunkt gibt es mit "Slow" von 2003 als Belohnung dafür beinahe im Original. Für das Video dazu wurden die Schränke in Vollkörperledermontur gesteckt und in den Hinterhof einer Tankstelle verladen, wo sie Bierflaschen auf ihren erotischen Mehrzweck als Phallus-Ersatz erforschen. Es ist der Moment, an dem der Life Ball im direkten Vergleich zu einem Kylie-Minogue-Konzert doch etwas heteronormativ zu wirken beginnt.

Kylie eleison!

Dass die Songs aus dem "Golden" getauften aktuellen Album leider etwas, sagen wir, unterkomplex sind, tut der Stimmung jedenfalls keinen Abbruch. Immerhin erweist sich Kylie Minogue hier vor allem für die Moorleiche, die sie im Video zum in Wien nur kurz angestimmten "Where The Wild Roses Grow" für Nick Cave bereits 1995 zum Besten gab, als erstaunlich vital. Es regiert neben billigen Beigaben wie fidelen Fideln und etwas Zupfbanjo immer auch ein wie rote Rosen vom Plafond regnendes Bekenntnis zum Leben, das uns als Quasi-Plagiat mit drei Rufzeichen auch aus den von Happy-Popper Mika bekannten Zeilen "We are golden" entgegenstrahlt.

Das als Duett mit Robbie Williams bekannte "Kids" hätte man von ihrem männlichen Popstarkollegen nicht besser, nur auf einem größeren Konzertareal mit noch mehr Bierbudeln gehört. Über Dancepop im Stile einer B-Seite der Pet Shop Boys ("Better The Devil You Know") und einen längeren mit Discotanzen verbrachten Aufenthalt im Studio 54 erlangt man vielleicht im Balladenteil eine Erkenntnis: Käsige Kuschelballaden aus den 80er Jahren wie "I’ll Still Be Loving You" oder "Especially For You" sind nicht nur schlecht gealtert. Sie waren auch damals schon schlecht. Kylie eleison!

Dafür hat Kylie Minogue charmant mit dem Publikum parliert und die Fans auch mit erfüllten Songwünschen befriedigt in die Nacht entlassen. Zum Austausch handelsüblicher Konfetti durch fallendes Blattwerk gab es auch ein Zitat: "We’re not young, and we’re not old. We’re the stories not yet told."