Wütendes Saitenschrammen: Calvi, hier bei einem Konzert in Wales. - © Richard Gray/PA/picturedesk
Wütendes Saitenschrammen: Calvi, hier bei einem Konzert in Wales. - © Richard Gray/PA/picturedesk

Langsam füllt sich der Veranstaltungsraum SIMMCity über dem Simmeringer Einkaufszentrum mit Publikum jeden Alters. Vier Jahre mussten ihre Fans darauf warten, dass Anna Calvi sich wieder auf einer Bühne blicken lässt. Nun tourt die britische Musikerin mit ihrem neuen, starken Album "Hunter" durch die Clubs und Mehrzweckhallen Europas. Am Donnerstag lieferte sie mit ihrer dramatischen Bühnenshow nicht nur ein musikalisches Manifest.

Ungerührt betritt Calvi die Bühne. Mit einer Stimme, die so gut wie alle Lagen mit Kraft und Farbe bedient, schwingt sich die 38-Jährige in vibrierende Höhen und klare Tiefen. Erst einmal ohne bestimmte Lyrics, nur mit Vokalisen. Als sie schließlich das erste elaborierte Riff auf ihrer E-Gitarre anstimmt, ist hinreichend bewiesen, dass dieser Abend ikonisch wird. Mit der Nummer "Swimming Pool" stößt Calvi das Publikum Kopf voran in ihr neues Album. Es folgt ein Crescendo von sanften, sphärischen Klängen hin zu unverhofft harten Metal-Sounds und zurück. Ein Highlight sind besonders Calvis ausgedehnte Vokal- und Gitarrensoli. Letztere machen es nachvollziehbar, dass sie manch einer als Reinkarnation von Jimi Hendrix bezeichnet. Ein Vergleich, der bei vielen anderen blanker Frevel wäre. Hier aber trifft er zu.

Mit zwei Drumkits im Rücken dominiert Calvi mit ihrer E-Gitarre klar die Bühne. Auf eine ausgedehnte Begrüßung des Publikums oder Gequatsche zwischen den Songs verzichtet sie bewusst. Das würde auch nicht zu ihrem Image passen, das sie mit ernster Miene und getragenen Bewegungen etabliert. Überwiegend in rotes Licht getaucht, kippt ihr resolutes Auftreten stellenweise in wütendes Saitenschrammen. Die Interaktion mit dem Publikum besteht vor allem in geflüsterten Lyrics, die sie ihm gebückt und mit eindringlichem Blick einflößt. Wenn sie zwischendurch mit zurückgeworfenem Kopf in die eigenen sphärischen Klangflächen abtaucht, bestrahlt vom weißen Spot, ist man kurz versucht, ihr Pathos zu unterstellen. Schließlich kommt man aber doch nicht umhin, über die fast ritualhafte Inszenierung des Abends zu staunen, der Akustik und Setting des Mehrzwecksaals nur schwer gerecht werden.

Eindringliche Beats

Wie ihre Musik ist auch Calvis Auftreten nicht platt oder aufgesetzt, sondern ehrlich kämpferisch. Und das hat seinen Grund: Das Album "Hunter" trägt eine zutiefst appellative, ernsthafte Message. Calvi positioniert sich klar gegen Machismo und patriarchale Strukturen auf allen Ebenen. Sie bricht mit reaktionären Denkmustern und längst überholten Geschlechterkategorien. "Die Lösung wäre, ein System zu finden, in dem niemand von der Unterdrückung des anderen profitiert", sagt Calvi gegenüber dem Deutschlandfunk. "Ich spreche von einem utopischen Ideal. Darüber müssen wir reden, weil sich sonst nie etwas ändern wird." "Hunter" bringt nicht nur Feminismus und Gesellschaftskritik mit aller notwendigen Dringlichkeit aufs Tapet, sondern ist auch ein betont queeres Album.

Songs wie "Don’t Beat The Girl Out Of My Boy" fordern längst überfällige Akzeptanz mit eindringlichem Beat und einer vokalen Bandbreite, die von Hauch bis Aufschrei in jedem Register zuhause ist. Calvi bewegt an diesem Abend also weit mehr als bloß die im Takt wippenden Fußsohlen. Man spürt, dass es hier um Tiefgreifendes geht - sowohl musikalisch als auch inhaltlich.