Damon Albarn (2. v. l.) meldet sich mit den Kollegen von The Good, The Bad & The Queen zurück. - © Pennie Smith
Damon Albarn (2. v. l.) meldet sich mit den Kollegen von The Good, The Bad & The Queen zurück. - © Pennie Smith

"If you’re leaving / please still say goodbye." Der erste von Damon Albarn auf diesem Album gesungene Satz darf als programmatisch verstanden werden. Immerhin wurde das "Merrie Land" betitelte Nachfolgewerk zum vor mittlerweile elf Jahren erschienenen Debütalbum seines Projekts The Good, The Bad & The Queen nicht von ungefähr für eine Überarbeitung nach hinten verschoben.

Reflexion und Gespräch

Das Brexit-Votum seiner Landsleute war dafür verantwortlich, dass nun eine künstlerische Bestandsaufnahme Großbritanniens am Scheideweg anvisiert wurde. Dafür bevorzugte Albarn zunächst die Reflexion im stillen Kämmerchen, danach beinahe in bester Politiker-Manier das Gespräch draußen am Land mit "den Leuten" und schließlich den gemeinsamen Rückzug ins Studio, für das man diesmal in Nordengland im historisch als Arbeiterurlaubsstadt bekannten Blackpool fündig wurde. 67,5 Prozent der Wahlberechtigten stimmten dort für "Leave", also den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union - eine große Anzahl an potenziellen Diskurspartnern also für Albarns Ursachenforschung.

The Good, The Bad & The Queen gelten nicht nur als ein weiteres Projekt Damon Albarns, den man aus Gründen über seine Rolle als Stimme von Blur oder Mastermind seiner Gorillaz hinaus als Tausendsassa des Pop bezeichnen darf. The Good, The Bad & The Queen gelten im Kollektiv als Supergroup, die neben dem Fela-Kuti-Schlagzeuger Tony Allen und Simon Tong von The Verve an der Gitarre auch Paul Simonon inkludiert, der als Bassist von The Clash an der Seite Joe Strummers Geschichte schrieb. Dazu kam Brian Burton alias Danger Mouse als Produzent, der nun von einem anderen großen Namen im Geschäft abgelöst wird. Die sechswöchigen Aufnahmesessions an der Irischen See mit Blick in Richtung Isle Of Man wurden von keinem Geringeren als Tony Visconti geleitet, dem Haus- und Hofproduzenten von David Bowie bis hin zu seinem finalen Album "Blackstar" von 2016.

Katerstimmung

Während der Titel "Merrie Land" zumindest auf dem Papier noch Frohsinn suggerieren könnte, erfolgt der Bruch bei The Good, The Bad & The Queen aktuell aber bereits auf dem Coversujet, das dem Horrorklassiker "Dead Of Night" von 1945 entliehen wurde, und dessen für, sagen wir, Fremdbestimmung stehende Bauchredner-Optik auch die aktuellen Musikvideos der Band leitmotivisch durchzieht.

Musikalisch regiert im Rahmen der zehn in 37 Minuten gereichten Songs reichlich zu den Inhalten passende Katerstimmung - sowie eine gute Portion Melancholie und etwas Wehmut. Zwischen eingestreutem Seemannsgesang, Blockflöten-Arrangements, hübschen Streicherbeigaben und Vintage-Orgeln im Kirtagsmodus bildet Simonons abfedernder Humpelbass eine gemächliche Basis, auf der Tony Allen sich im Standgasmodus bemüht, die nötige Bewegung in die Stücke zu zaubern. Etwas Dub wird bei einem Albumhöhepunkt namens "Truce Of Twilight" zudem zu einer Art Echo der einstigen Offenheit einer sich nun abkapselnden Insel.

Generell bezeugen die gedämpft im unteren Tempobereich angesiedelten Songs zwar keine großen Ambitionen, Singles oder gar Hits zu werden. Dafür offenbart das Album gerade im Wiederhören seine Qualitäten als Grower. Das Wort "leave" fällt sehr gerne und oft. Es setzt anstelle von Antworten hauptsächlich Fragen, die nahelegen, dass Albarns Austausch mit den Leuten nicht wirklich erfolgreich war - und verworrene Zeiten auch den intellektuell Suchenden mitunter ratlos zurücklassen: "And where are we today? / Dissolution / Our lousy love affairs . . ."

Die Standortbestimmung ergibt, dass man sich in der Geschichte rückwärts bewegt. Damon Albarn stemmt sich als "Last Man To Leave" gemeinsam mit seinen Kollegen dagegen. Am Ende herrscht bei "The Poison Tree" aber trotzdem Resignation: "It’s really sad."