Im jährlichen Eventkalender ist das Blue Bird Festival im Wiener Porgy & Bess ein fixer Bestandteil. Bereits seit dem Jahr 2005 geht es hier darum, einerseits dem Song als solchem zu huldigen - und andererseits auch mit einer gewissen Breite im Spektrum darzustellen, wie vielgestaltig diese hinlänglich erprobte zentrale Trägersäule des Pop quer durch die Genres doch nach wie vor sein kann. Ein weiteres gemeinhin verbindendes Element der auftretenden Acts ist es außerdem, dass man ihrer Musik auch zuhören, sich also auf sie einlassen muss. Berieselung herrscht anderswo.

Eine zusätzliche lose und so vermutlich gar nicht beabsichtigte Klammer gab es am eröffnenden Donnerstag der mittlerweile 14. Blue-Bird-Saison aber auch. Von der Bühne herab bekam man es ausschließlich mit Musikerinnern und Musikern zu tun, die sich aktuell in ihren Dreißigern befinden - und deren Songs auch davon künden.

Wir sprechen von jenem Jahrzehnt, in dem man bemerken könnte, dass man nicht mehr ganz jung ist, sehr wahrscheinlich aber auch noch nicht alt genug für die Midlife-Crisis. Es stellen sich Fragen wie jene nach Kind oder - oder: und - Karriere, dem Abschluss einer Lebensversicherung oder der Karenz für die Bildung. Und gerade als Mann weiß man natürlich: Sobald dieses Jahrzehnt vorbei ist, gilt die jährliche Prostatauntersuchung als zumindest empfohlen.

Dem vor diesem Hintergrund buchstäblich schwersten denkbaren Thema widmete sich am Donnerstag ausgerechnet das Nesthäkchen im Line-up: Paul Plut, Jahrgang 1988, bewies bereits im Vorjahr mit seinem Debütalbum "Lieder vom Tanzen und Sterben", dass der Tod als Thema, Sujet und letzte Tatsache niemals stirbt - und dass man ihm mit einer eigentümlichen Mischung aus vom Dachstein geprägten Dialektgesang und vom Blues her kommenden Twanggitarren eine so besondere wie besonders eindringliche Note abringen kann, die reinigt und durchputzt.

Trennende Einschnitte

Live erlebte man Plut im Quartett samt Kontrabass mit wunderbar verschleppt in Szene gesetzten Annäherungen an die ewige Grube: "Ois wos guat is in da Wöt / Konnst in a Tuchant aus Lärchnhoiz legn." Aber nicht nur der - wie später auch bei Headliner Dan Mangan vor thematisch weniger drastischem Background - nicht zu verleugnende Humor des Musikers in den kurzen Ansprachen dazwischen sorgte für den nötigen Bruch. Man hat sogar einen (!) Song gehört, der mit einem Dur-Akkord (!!) begann. Auch aufgrund einer nachdrücklich exorzistisch ins Porgy gewummsten Version des Songs "Vota" fing das Blue Bird also mit einem Höhepunkt an.

Im Anschluss bot die 36-jährige Wahl-New-Yorkerin Holly Miranda ihr durchaus mit Groove auffahrendes aktuelles Album "Mutual Horse" sowie Coverversionen von Nina Simone bis Ted Lucas solo zwischen Fingerpicking-Gitarre und Klavier so kunsthandwerklich wie soulful und gerne auch schummrig dar - und wurde dabei nicht nur einmal dramatisch expressiv. Der Tod ist bei Holly Miranda aktuell ein autobiografisches Faktum, wie ein Song für ihre verstorbene Mutter bewies. Laura Gibson wiederum, Jahrgang 1979, deren aktuelles Album "Goners" neben dem Tod als trennenden Einschnitt auch banale Beziehungsenden als Abschiede kennt, erklärte trotz Bandbegleitung mit netten und freundlich vorgetragenen Songs, die leider auch etwas einschläfernd ausfallen konnten, dass sie vielleicht nicht von ungefähr auf Hospizauftritte zurückblickt.

Auf der aktuellen Tour teilt sich Gibson übrigens eine Band mit Dan Mangan. Der sympathische Bartträger aus Kanada konnte in einem hübschen Soloteil samt Songwunscherfüllung zwar gleichfalls gut auf den baldigen Bettgang vorbereiten, davor aber gab es mit den gewinnenden Songs seines aktuellen Albums "More Or Less" und in launigen Sätzen dazwischen aber noch Selbstporträts eines Mittdreißigers als zweifacher Vater. Der umkreist in den Texten heute vor allem das eigene Älterwerden, so es in Stücken wie "Just Fear" nicht um einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen der Sorge um den Nachwuchs und den politischen Nachwehen der US-Präsidentschaftswahlen geht.

Mitunter reicht aber auch eine lange Woche für uns kinderlose Mittdreißiger im Publikum vollkommen aus, um die Zeilen des guten Mannes nachempfinden zu können: "Every morning’s a resurrection, shaking off all the dead." Jawoll!