Kinderlieder ohne pädagogischen Missionierungsdrang: Matthäus Bär. - © Niko Ostermann
Kinderlieder ohne pädagogischen Missionierungsdrang: Matthäus Bär. - © Niko Ostermann

Retrospektiv bleibt natürlich die Hoffnung, dass der Fahrer es eh niedlich fand, als man in der Kinderreisegruppe lauthals ein Best-of aus dem Dreikäsehoch-Fernsehen angestimmt hat (die schönsten Titelsongs und -Melodien von Serien wie "Meister Eder und sein Pumuckl", "Wicki und die starken Männer", "Pippi Langstrumpf", "Die Schlümpfe" und sehr gerne auch "Inspector Gadget") oder zumindest anschließend mit "Ein Hoch auf unseren Busfahrer" versuchte, den Mann davon abzuhalten, seinen Untersatz gegen die nächste Mauer oder in den am Heimweg gelegenen Baggersee zu lenken. Ich! Halte! Das! Nicht! Mehr! Aus!!

Realistisch betrachtet ist die Niedlichvariante nämlich sehr unwahrscheinlich - und stattdessen musste es für den armen Dienstnehmer nach Schichtende daheim vermutlich der Schnaps wieder richten. Heizdeckenausflüge mit dem Seniorenclub sind da vergleichsweise dankbar.

"Ob-La-Di, Ob-La-Da"

Kinderlieder gelten Erwachsenen im Regelfall als nervige Sache. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie man etwa auch kommende Woche am Mittwoch und Donnerstag in der Wiener Stadthalle sehen kann, wenn Paul McCartney mit Genre-Klassikern wie "Ob-La-Di, Ob-La-Da" oder vielleicht auch "Yellow Submarine" für leuchtende Kinderaugen unter grau melierten Herrenhaaransätzen sorgen wird.

Und auch der Wiener Musiker Matthäus Bär setzt als große Ausnahme im Kleine-Leute-Geschäft mit seinen "Kinderliedern für Erwachsene" eine Art Missing Link zwischen einem erziehungsberechtigten Pop-Publikum und dessen Nachwuchs. Auch wenn mit "Zucker" der nun erscheinende neueste Streich nach ersten entsprechenden Soloalben wie ". . . singt seine großen Kinderlieder" (2013), "Stromgitarre, Schlagzeug, Bass" (2015) und zuletzt der 2017 mit den Kollegen von Polkov eingespielten "Nichts für Kinder"-EP insofern als etwas härtere Probe für den älteren Teil der Zielgruppe daherkommt, als es heute fiepsenden Umhängekeyboard-Pop aus den 80er Jahren setzt. Für den nennt der Bär, der hier steppt, etwa Cyndi Lauper als Vorbild. Dazu entdecken wir bereits seit dreieinhalb Jahrzehnten etwa als Mitfahrer im Auto, als Kunden im Supermarkt oder Angestellte im Büro von Ö3 gefolterter Pop-Weisenrat auch noch die Stromgitarre von Bryan Adams, die allein schon aus pädagogischen Gründen eigentlich gar nicht geht.

Inhaltlich legt es Matthäus Bär auch auf seinen elf neuen Songs sonst aber eh wieder un- bis antipädagogisch an, sofern es jetzt nicht um ein ureigenes Interesse des umtriebigen Labelbetreibers (Phonotron), Musikers und zweifachen Familienvaters geht. Wie heißt es doch so schön im zum Abschluss gereichten "Elternlied" etwa hinsichtlich einer Notwendigkeit namens Erholung? "Gehörst du zu den Netten, Braven / dann lässt du doch deine Eltern sicher gern noch ein bisschen schlafen."

Post-Trotzphasen-Revolte

Der gute Rest der mit durchschnittlich zwei bis maximal drei Minuten Spiellänge zwecks Schonung der Aufmerksamkeitsspanne - vor allem in Hinsicht auf kommende Live-Auftritte zwischen den Schlafenszeiten am späten Nachmittag! - schlank gehaltenen Songs widmet sich dann aber den Themen, von denen die Kinder ein Lied singen können: Es geht mit Zwergenchor im Refrain oder hübschem Chansonpop-Gesumme um erste Liebesbriefe, unter die man den Namen bereits selbst schreiben kann, (Pyjama)-Partys ohne Eltern, Schlaflosigkeit oder schlichte Befehlsverweigerung als entschiedene Post-Trotzphasen-Revolte - sowie im "Beschimpfungslied" nicht nur um Beschimpfungen, sondern auch um Versöhnung.

Zwischen heiterem Freizeiteskapismus bei "Rollerpop" oder dem bereits in die Zukunft gerichteten "Kaffee & Bier" (Angst, Not und Sorge!) wird als Gegenmittel zu trüben Tränentagen aber auch für Trost und Erbauung gesorgt. Selbst von den Beatles weiß man ja, dass man sich so ein "Ob-La-Di" gegen die Widrigkeiten des Tages als hart arbeitender Hund erst einmal erkämpfen muss - auch wenn man in Wahrheit ein Bär sein sollte.