Normalerweise kennt man das aus dem Umfeld multinationaler Pop-Superegos und Alphatiere mit Namen wie Kanye West oder Beyoncé: Eventuell verdichten sich vorab in den sozialen Netzwerken zwar die Hinweise, dass bald ein neues Machwerk ins Haus stehen könnte, von der breiten Öffentlichkeit aber wird das Album trotz wohlgeplanter Abläufe im Hintergrund so oder so als "spontan" im Internet veröffentlicht wahrgenommen - sofern es dort quasi über Nacht erschienen und plötzlich per Mausklick verfügbar ist.

Wobei: Veröffentlicht wird freilich nur sprachlich und unter uns über dreißigjährigen alten Säcken und Pop-Silberrücken. Hallo! Für die jungen Leute von heute (und alle, die sich dafür halten, weil sie zum Beispiel coole Dads oder Moms sein wollen) werden Songs, Tracks, Mixtapes oder, wenn es sein muss, im guten alten Wortsinn auch Alben ohnehin immer gedroppt.

Nun also hat sich auch die heimische Band Bilderbuch dafür entschieden, einen auf Kanye West oder Beyoncé zu machen. Das hat vor allem den Grund, dass das Quartett um seinen durchaus im Sinne Falcos exaltierten Sänger Maurice Ernst alles außer seine deutsch mit etwas regionalem Einschlag oder sehr gerne auch denglisch (im Sinne Falcos) gehaltenen Texte lieber am internationalen Beispiel ausrichtet, als im Lokalkolorit zu versumpern. Die österreichische Krankheit des kleinen Denkens und großen Verzagens, sie ist die Sache von Bilderbuch nicht. Außerdem kann es sich die Band schlichtweg erlauben. Als Draufgabe mit dem Online-Release gibt es zudem die Ankündigung eines nächsten neuen Albums mit dem Titel "Vernissage My Heart" für Februar 2019, mit dem der Doppelschlag zur Tour-Promotion endgültig vollstreckt sein wird. Am 24. Mai spielen Bilderbuch vor 15.000 Besuchern in Schönbrunn, wo Johann Bernhard Fischer von Erlach mit einem Bühnendesign der Sorte prächtig-kaiserliche Schlosskulisse in weiser Voraussicht schon im 17. Jahrhundert nicht gekleckert hat.

Trauriger Narzissus

Warum sich Bilderbuch für die bereits jetzt vorliegende neue Musik entschuldigen oder ob sie unter Mithilfe des Albumtitels "Mea Culpa" nur ihre Erfahrungen als Klosterschüler in Kremsmünster verarbeiten wollen, man weiß es nicht. Sicher ist, dass die Band ihren nach Anfängen im tendenziell austauschbaren Indierock mit dem Hit "Maschin" von 2013 und dem nachgereichten dazugehörigen Album "Schick Schock" (2015) losgeschickten Siegeszug auch mit den neun aktuellen Songs auf Schiene hält.

Dass das auch ohne die Brechstange in Form von Blockbusterhits grundsätzlich möglich ist, hat im Vorjahr bereits das Album "Magic Life" unterstrichen, das mit einer eher ereignislosen Autotune-Meditation namens "Sweetlove" als Appetizer zunächst demonstrativ mit der Erwartungshaltung gebrochen hat, ehe die Ernte mit dem Hitradio-Angebot und -Dauerbrenner "Bungalow" dann doch wieder eingefahren wurde.

"Mea Culpa" erweitert die gewohnte Bilderbuch-Ästhetik ohne Drang zum ganz großen Hit und gerne näher am Track als am Song um etwas sogenannten Acid Jazz und auch nicht mehr ganz neue 2-Step-Beats - und setzt zwischen repetitiven Grundmustern gerne auch auf wahlweise nächtliche und bettschwere Atmosphären mit bekifftem Einschlag.

Die große Stärke der Band bleibt ihre Detailverliebtheit im verspielten bis aberwitzigen Sounddesign mit Hang zu einmal Käse extra. Dazu erzählt Maurice Ernst zwischen syllabischem Dada-Scat, Check-it-out-Coolness und dem akut notgeilen Lumpi-Falsett von Prince immer auch und vor allem über Sehnsucht und Sex, wenn virtuell-digitale Schlagwörter wie Display, App, LED-Screen oder Memory Card fallen.

Anders als im goldenen Zeitalter des Prince Rogers Nelson
allerdings regiert in der Millennial-Ära des Maurice Ernst eine Erfindung namens Internet, die uns nicht nur gemeinsam vereinsamen lässt. "Sie ist online / immer online / Aber kein Wort, nein" und "Ich glaub an das Internet / Ich glaub an deinen Ass / Ich glaub an die Liebe / Ich lieb mich meistens selbst", so lauten die in Bits und Bytes vielleicht traurigsten Zeilen, die ein Popstar-Narzissus jemals gesungen hat. Oversexed und underfucked. Mea Culpa.