Lockenwickler im Haar: Chrissy Teigen auf der Stolpertreppe, daneben der Sänger John Legend umgeben von Kindern, Kaminfeuer - und der Weihnachtsplatte von Bing Crosby im Hintergrund. - © Sony Music
Lockenwickler im Haar: Chrissy Teigen auf der Stolpertreppe, daneben der Sänger John Legend umgeben von Kindern, Kaminfeuer - und der Weihnachtsplatte von Bing Crosby im Hintergrund. - © Sony Music

Wenn es weihnachtet im Zeitalter der Sozialen Medien, darf neben Kaminfeuer, Glockengeläut und Kinderlachen natürlich eines nicht fehlen - Zorn. Damit sind jetzt nicht etwa jene Querelen gemeint, die seit jeher zwischen Jung- und Schwiegermutter, zwischen Groß- und Kleinbaumbefürworter und Karpfen- und Kalte-Buffet-Fraktion ausgetragen werden. Nein. Heute gilt es, auch nach Leibeskräften online über nichtige Themen zu zanken. Einen Löwenanteil dieser Energie verzehrt heuer Frank Loessers Lied "Baby, It’s Cold Outside" von 1944. Hört man das Duett kühlen Blutes, meint man zwar, dass hier ein Hausherr eine Frau mit Verweis auf das Sauwetter da draußen zum Bleiben zu überreden versucht und letztlich reüssiert. Es ist nun aber 2018, und da wird dieser Gastgeber allen Ernstes einer Fast-Vergewaltigung bezichtigt. Eine ganze Reihe amerikanischer Radiostationen hat das Lied mit Bann belegt. Der Papst, weltweit hauptzuständig für Weihnachtsfragen, dürfte das allenfalls belustigt zur Kenntnis nehmen.

Weihnachten mit Lumpiblick

Gottlob lässt sich die Bescherung aber auch in Übersee noch entspannt feiern, ohne alles auf die MeToo-Waagschale zu legen. John Legend beweist es mit seinem Weihnachtsalbum "A Legendary Christmas" (Columbia/Sony). Der Mann, der aus Tratschkolumnen vor allem als Gatte der vorwitzigen Chrissy Teigen bekannt ist, besitzt selbst einigen Charme. Mit Weihnachtsmütze, Masche und Lumpi-Blick lacht er vom Cover wie weiland Vorgänger Bing Crosby von dessen Festtagsalbum. Nostalgiefreudig zeigt sich dann auch Legends Musik. Sie sucht ihr Heil aber nicht bei Crosby, sondern den legendären 70er Jahren: Wah-Wah-Gitarren, Knatterbläser und Streichervelours huldigen den Altvorderen des Soul und R’n’B. Mag zwar sein, dass dieses Klangbild nicht jedem Weihnachtsklassiker frommt: In der Zungenschlagfassung von Dean Martin rutschen einem die "Silver Bells" geschmeidiger ins Ohr (nachzuhören auf "Christmas With The Rat Pack", Capitol Records). Legends Album strotzt dafür aber vor ausreichend Frohsinn, um selbst die Weihnachtsfeier einer Bestattungsfirma aus den Angeln zu heben. Dabei werden auch sieben Originalsongs gereicht, gekrönt von der Klavierballade "Waiting for Christmas".

Auch Eric Clapton setzt mit seiner Weihnachtsplatte "Happy X-Mas" (Bushbranch/Surfdog) auf eine Mischung aus Althergebrachtem und Selbstgemachtem. Die Grenzen verfließen hier allerdings. Das liegt einerseits an dem Umstand, dass der ergraute Gitarren-
grande dem Blues zugeneigt ist und auf dessen Schema immer wieder neue Lieder errichtet, hier etwa das launige Lamento "Christmas Tears". Es klingt da aber auch eine Pop-Novität unfreiwillig bärtig: "For Love On A Christmas Day" etwa wirkt wie aus dem Kopierer des Clapton-Sounds gezogen und ebenso ideenarm wie das zugehörige, verschneite Video. Abgesehen von zwei, drei Schmunzelnummern und einer Entgleisung ("Jingle Bells" mit Plastikelektronik und Piu-Piu-Laserpistolen) bekräftigt der 73-Jährige sein Image als Blues-Kuschelbär. Immer, wenn seine Musik intensiv zu werden droht, biegt sie auf eine abgelutschte Akkordbahn ab.