Nachdenklich: Jeff Tweedy. - © Whitten Sabbatini
Nachdenklich: Jeff Tweedy. - © Whitten Sabbatini

Zwei Dinge lassen sich über den Mann mit Sicherheit sagen: Zum einen ist Jeff Tweedy seit seinen Anfängen mit Uncle Tupelo, als Vorstand von deren bis heute aktiver Nachfolgeband Wilco sowie als Schreiber und Produzent für die Kollegenschaft zwischen Songwriter Richard Thompson oder Soulsängerin Mavis Staples entlang seiner Kernkompetenzen schon immer äußerst umtriebig gewesen - nur ein Sologang wollte dem in Chicago ansässigen Betreiber des Wilco-eigenen dBpm-Labels (und dessen The-Loft-Studios) bisher nicht in den Sinn kommen.

Zum anderen gelang es dem mit zwei verwandten Seelen, ach! in seiner Brust auf Alt-Country und einen wie auch immer gearteten Alternative-Rock-Begriff gebuchten Musiker immer auch, Kopf und Herz seiner Hörerschaft gleichermaßen zu bedienen. Was das Herz betrifft allerdings unter Verzicht eines autobiografischen Zugangs in den Texten.

Beides ändert sich nun im Finale des Musikjahres 2018. Nach ersten Schritten unter eigenem Namen abseits von Wilco - parallel zur Bandkarriere und nicht stattdessen - in Form des Familienalbums "Sukierae" gemeinsam mit Sohn Spencer im Jahr 2014 und zuletzt 2017 mit akustischen Neudeutungen aus dem Backkatalog ("Together At Last") ist soeben auf 304 englischen Buchseiten nicht nur die Autobiografie "Let’s Go (So We Can Get Back)" erschienen.

Empathie und Zuspruch

Daran anknüpfend liegt mit "Warm" nun auch ein erstes Soloalbum mit Originalsongs vor, mit denen Tweedy durchaus persönliche Einblicke gewährt. Als Mann Anfang 50 hat und nützt der Musiker also die Gelegenheit, einmal zurückzublicken und die Altmännerkarte auszuspielen, die sein Genre als anfängliche Möglichkeit und späteres Muss ja immer bereithält.

Dazu kommen Schicksalsschläge wie die Krebserkrankung seiner Frau und der Tod seines Vaters, die der Songwriter zu verarbeiten hat. Und auch trotz gehegter Sorgen um den Weltenlauf ist es ein zuversichtlicher Grundton, der dabei angeschlagen wird - wenn gerade nicht die lakonische Pointe regiert: "We all think about dying / Don’t let it kill you!"

Ebenso wie die Autobiografie künden die neuen Songs aber auch von einer Schmerzmittel-Abhängigkeit, die Jeff Tweedy glücklicherweise längst überwunden hat - und die es als großes, aber verdrängtes amerikanisches Problem verlässlich immer erst dann wieder in die Öffentlichkeit schafft, wenn mit Michael Jackson, Prince oder Tom Petty ein weiterer Popstar daran gestorben ist. Tweedy dazu explizit in "Having Been Is No Way To Be": "Now people say / What drugs did you take / And why don’t you start taking them again? / But they’re not my friends / And if I was dead / What difference would it ever make to them?"

Der Musiker erweist sich bei "How Hard It Is For A Desert To Die" realbiografisch als robuste Figur und schickt als zum Judentum konvertierter Sinnsuchender bei "Let’s Go Rain" hingegen in bester Autorentradition die anderen vor, um womöglich bei Bob Dylan in dessen christlicher Phase anzudocken: "Oh, I’ve heard about Noah’s flood / Washed away a world of sin / Some say destruction is an act of love / And think it should happen again."

Dazu dominiert in meist knapper Form und trotz dezent elektronischer Outer-Space-Atmosphären bei "From Far Away" oder aufgedrehter Fuzzbässe bei "The Red Brick" zu getragenen Tempi ein semiakustisches Setting mit hübschen Steelgitarren das Geschehen - sowie die richtige Dosis Empathie und Zuspruch, die man als Trostsuchender im Regelfall braucht: "I know what it’s like" - guter Mann!