- © Veronika J. König alias Farce.
© Veronika J. König alias Farce.

Keine Frage, mit Überraschungen überfordert das aus Vancouver stammende und heute in L.A. ansässige Duo Bob Moses die geneigte Fanschaft nicht. Wie es sich seit der Zusammenstellung "All In All" (2015) abgezeichnet hat, durchsetzen immer mehr handgemachte Elemente den eleganten, in seiner Federleichtigkeit eigentlich kaum mehr mit Dance zu assoziierenden Elektronik-Flow. Klugerweise wissen Bob Moses dabei Rockismen zu vermeiden. Und sie schreiben - ihr Trumpf - wunderschöne Songs, denen die sonor-schmachtende Stimme Tom Howies exzellent ansteht und die keinen Schaden daran nehmen, dass die vage-melancholischen Texte im Prinzip nichts sagen, geschweige denn Geschichten erzählen.

Ein wenig leidet ihr drittes Album, "Battle Lines" (Domino), phasenweise an einer gewissen Gleichförmigkeit, was Sound (temperiert), Tempo (mittel) und Stimmung (Moll) angeht, doch immer wieder retten große Melodien und kleine emotionale Spitzen die Musik vor dem Absturz ins (reale) Jammertal der Belanglosigkeit. "Have faith in us / I know you wanted more" rufen Bob Moses potenziellen Kritikern zu. Aber klar doch! (Bruno Jaschke)

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Der Sommer war, mit Rilke gesprochen, in diesem Jahr tatsächlich sehr groß und hatte vor allem rekordverdächtig viele Sonnenstunden im Gepäck. Insofern ist "Anaana" (Ink Music), das Debütalbum des österreichischen Duos Cari Cari, fast so etwas wie der Soundtrack dazu. Die "Summer Sun" beschwört gleich der pulsierende Opener, und am Ende sind wir nach zehn Songs und knapp 35 Minuten beim getragenen, an Cat Power gemahnenden Sundowner angekommen ("Do Not Go Gentle Into That Good Night").

Stephanie Widmer (Gesang, Drums) und Alexander Köck (Gesang, Gitarre) machen seit 2011 zusammen Musik, haben 2014 eine EP veröffentlicht und sind auf Festivals von Barcelona bis Australien gern gesehene Gäste. Dass sie erst jetzt ihr Debütalbum vorlegen, ist auch ein Beleg dafür, wie sehr sich die Musikszene in Zeiten der Digitalisierung verändert hat. Was nichts daran ändert, dass Cari Cari einen großartigen Mix aus Retro (60er Jahre, Westernsound) und Neuzeit (sie werden gerne als Mix aus The Kills und The xx annonciert) zu bieten haben: cool, kraft- und zugleich geheimnisvoll. Kann gut sein, dass Großes daraus wird.  (Andreas Wirthensohn)

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  - © Albumcover Elektro Guzzi.
  - © Albumcover Elektro Guzzi.

Das Alleinstellungsmerkmal des Wiener Trios Elektro Guzzi beruht seit seiner Gründung auf der Verknüpfung von innovativen Soundexperimenten und energiegeladenen und hypnotischen Technoklängen. In der klassischen Rockmusik-Besetzung aus Bass (Jakob Schneidewind), Gitarre (Bernhard Hammer) und Schlagzeug (Bernhard Breuer) entstand Techno- und Clubmusik, bei der die Menschen den Takt vorgeben. Ihr außergewöhnliches Konzept, diese Genres mit richtigen Instrumenten zu spielen, hat auch 2018 nichts von seinem Reiz verloren.

Für ihr aktuelles Album "Polybrass" (Denovali) haben sich Elektro Guzzi drei Posaunisten zur Unterstützung an Bord geholt, die die repetitiv pulsierenden Sounds und monotonen Beats mit atmosphärisch-düsteren und seelenvoll-warmen Bläserklängen ergänzen. Obwohl weiterhin minimalistische Soundstrukturen das Fundament bilden, machen die Bläser die Musik von Elektro Guzzi variantenreicher. Es ist ein süchtig machendes Fest für Ohren und Beine, dieser Musik zu lauschen und von ihr in Trance versetzt zu werden. Großartige (Live-)Band, tolles Album! (Heimo Mürzl)

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Die aus Deutschland gebürtige Home- und Bedroom-Producerin Veronika J. König alias Farce meint es mit ihrem in Wien unter Mithilfe von Co-Produzent Nikolaus Abit eingespielten Debütalbum "Heavy Listening" (Futuresfuture) durchaus ernst - wovon neben dem Titel(stück) und Nummern wie "I’m Dying, Man", "I Hate Berlin" oder "Die Angst" auch das Sounddesign kündet. Zu zerbrechlichem, mit Verzerreffekten und Autotune behandeltem Gesang ("I don’t think you want me as much as you say you do . . .") kommen gehäckselte Synthesizer mit Störsounds und Orgelklänge, kombiniert mit Beats aus dem Laptop und Spurenelementen von womöglich als solche nicht erkennbaren Gitarren.

Dabei bleibt der Song grundsätzlich die Ausgangsbasis und - trotz einer Arbeitsweise am Puls der Zeit - tanzbar-dusterer Elektropop und eine Pop-Sozialisierung mit Martin Gore und Depeche Mode ein hörbarer Einfluss. Licht bringt am Ende ausgerechnet ein eklektizistisches Stück namens "Ungut", das nicht zuletzt auch an die Düsseldorfer Krautrockpioniere von Neu! erinnert. (Andreas Rauschal)

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Als ich das von einem Freund empfohlene dritte Album des englischen Singer/Songwriters Ben Howard, "Noonday Dream" (Island/Universal), das erste Mal hörte, war ich von den zum Teil gegenläufigen, teils blubbernden Sounds überrascht, die mir wie "Unterwassermusik" entgegenströmten, aber durchaus imponierten. Dann stellte sich heraus, dass mein Mobilabspielgerät gesponnen und den Klang deutlich verfremdet hatte.

Solcherart aus vermeintlichen Untiefen aufgetaucht und buchstäblich an Land gesetzt, blieb von den zehn entwässerten Songs aber immer noch genügend trockene Faszination übrig. Denn der 31-jährige Sänger und Gitarrist, einst als eine Art zweiter Jack Johnson gepriesen, verdichtet und vervielfältigt auf "Noonday Dream" sein Gitarrenspiel zu breiten, mehrminütigen Soundflächen, worüber sein leicht meditativer Gesang kreist. Das erinnert weniger an den hawaiianischen Surf-Sänger als vielmehr an atmosphärische Klangzauberer wie Bon Iver, The War On Drugs oder Jonathan Wilson - und ordnet Howard einem anderen Kosmos zu. Nicht Wasser-, sondern Weltmusik im besten Sinne.
(Gerald Schmickl)

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Many Rooms ist das Musikprojekt der in Ohio lebenden Brianna Hunt. Hunt wuchs in einem christlichen Umfeld auf, was sich nicht unwesentlich auf die thematische Linie ihres Debütalbums zwischen existenziellen Selbstzweifeln und individueller Bestimmung ausgewirkt haben dürfte. Was sich auf "There Is A Presence Here" (Other People Records) allerdings so vollmundig als eine Vielfalt von Räumen ankündigt, ist vielmehr das Kollabieren des Universums auf einen Punkt.