Bisher ist von Mariah Carey kein künstlerisches #MeToo-Statement bekannt. Insofern sorgt der Titel ihres aktuellen Albums, "Caution", was so viel bedeutet wie "Achtung!", "Vorsicht!", "Obacht!" oder vielleicht auch "Spiel dich, verkühl dich!" dafür, dass man als Hörer die Ohren spitzt.

Und tatsächlich beginnt Studioalbum Nummer 15 bei "GTFO" mit der bereits vermuteten Abschiedsformel "Get the fuck out!", mit der man als Diva vom Zuschnitt einer Carey im Regelfall das Dienstpersonal aus der Küche oder dem Umkleidezimmer hinausschmeißt.

Girl-meets-Boy-Geschichten

Adressiert wird dann aber eh nicht das Dienstpersonal, sondern ein Darling, Baby oder Boy, der oder das sich in der Kategorie Beziehungsmaterial als Mangelware erwiesen hat. Honey, tu mir einen Gefallen und schick dich zurück! Zärtlicher wurde der Satz "Get the fuck out!" übrigens noch nicht gehaucht, wahrscheinlich, weil die Carey-Zwillinge während der Aufnahmen im Nebenzimmer waren, außer der gewöhnlichen Girl-meets-Boy- und Girl-loses-Boy-Geschichte nichts Tragisches passiert ist und es gilt, eine gewisse Form des Weihnachtsfriedens dann doch zu bewahren.

"Caution" wurde abermals pünktlich zum Start der Weihnachtssaison auf den Markt gebracht, ist diesmal aber kein Weihnachtsalbum geworden. Mariah Carey hat bereits zwei Stück davon auf die Endverbraucherschaft losgelassen und kann mit "All I Want For Christmas Is You" auf der Habenseite außerdem den erfolgreichsten Weihnachtspopsong aller Zeiten ins Feld führen. Der weist selbst "Last Christmas" von Wham! in die Schranken und garantiert alle Jahre wieder, dass die Tantiemen aufs Konto rieseln, während in den Shoppingmalls die Mienen der Menschen noch saurer werden, als sie es ohnehin schon sind.

Zum Thema Dienstpersonal ist zu sagen, dass gut und gerne neun Autoren pro Song und insgesamt 16 (!) Produzenten für die 38 Spielminuten von "Caution" verschlissen wurden und man sehr lange im Kino sitzen müsste, wenn die Albumcredits ein Filmabspann wären. Mein Gott, das zieht sich! Und dann sind noch nicht einmal die Ernährungsberater für die Carey-Diät, die Pediküre-Fachkraft (also Fachkräfte, Mariah Carey hat zehn Zehen!) oder der Pailletten-Beauftragte erwähnt, ohne die die Arbeit gar nicht beginnen könnte. Man erinnert sich dunkel an das Wien-Konzert von 2016, bei dem die Verspätung größer war, als der Auftritt gedauert hat.

Zum Kopfnicken

Wenn es gerade keine Troubles mit dem zukünftigen Ex-Boyfriend gibt, geht es bei Songs wie "One Mo’ Gen" ("Oh! Did you like when I put my lips there? Oh! ’Cause I like when you’re kissin‘ me everywhere") übrigens nicht nur auf Musikvideobasis recht verlässlich und im Negligé in die Federn. Weihnachten ist ja bekanntlich das Fest der Liebe - und der Völlerei -, weshalb die Carey-Diät pausiert wird und sich die Sängerin einen neuen Boy als Nachtisch genehmigt: "Would you mind, baby? Tell me how you want it / Hot as mama’s cookin’ in the kitchen during summer . . ." Alles ist sehr sexuell. Und metaphorisch gesehen immer auch ziemlich peinlich.

Musikalisch läuft die 48- oder 49-Jährige (niemand weiß das so genau - zum letzten Mal, die Frau ist eine Diva!) mit den zehn neuen Songs allerdings zu nicht mehr erwarteter Form auf. Man hört slicken, verführerisch gehaltenen Neo-R&B auf elektronischer Basis, der bei Fahrten im Bi-em-Dabbelju durch Downtown mit subbassbetonten Drumcomputerbeats zum Kopfnicken lädt. Das geht sich auch und gerade im Verzicht auf Blockbusterhits aus und hat im Fall von "Giving Me Life" mit Rapper Slick Rick auch zu einem Brückenschlag ins sogenannte Alternative-Segment geführt.

Immerhin taucht mit Dev Hynes alias Blood Orange als Co-Produzent hier ein Name auf, der in zahlreichen Bestenlisten des Jahres vertreten ist. Gut auch, dass Mariah Careys Frontvortrag (trotz sehr vieler Vokalspuren und einiger Koloraturjodelanfälle im Hintergrund) oft erstaunlich unaufgeregt bleibt.