Die neue Leichtigkeit: Songwriter James Blake. - © Amanda Charchian
Die neue Leichtigkeit: Songwriter James Blake. - © Amanda Charchian

Vom britischen Kulturtheoretiker Mark Fisher ist der Satz überliefert, dass der Konsum von James-Blake-Musik in chronologischer Abfolge der Erfahrung gleichkommt, einem Geist dabei zuzuhören, wie er stufenweise Gestalt annimmt. Und es ist tatsächlich schwer zu glauben, dass der adressierte Songwriter diese Einschätzung aus dem Jahr 2013, für die die Formulierungen "to assume form" und "(re)coalescing out of digital ether" verwendet wurden, nicht kannte, als er seinem nun vorliegenden neuen Album den Namen "Assume Form" gab und für den Titelsong ausgerechnet die Zeilen "I will assume form / I’ll leave the ether" verfasste.

Privates Glück

Mark Fisher kann diesen Tribut, diesen Verweis, diesen Zufall (?) und jedenfalls die neueste Entwicklung James Blakes in Sachen Materialisierung und Greifbarkeit nicht mehr kommentieren. Er nahm sich im Jahr 2017 das Leben, was uns dazu bringt, dass auch Blake selbst erst im Sommer des Vorjahres öffentlich über Suizidgedanken und Depressionen sprach, denen er per Therapie beikam.

Als Blakes Schaffen in Gestalt von "Don’t Miss It", der ersten Single aus "Assume Form", von der Musikplattform Pitchfork dann einmal mehr als "Sad boy music" bezeichnet wurde, sah sich der Songwriter veranlasst, einerseits auf die Stigmatisierung von Männern hinzuweisen, die ihre Verletzlichkeit nicht verbergen wollen und können, und dabei auch die Ernsthaftigkeit des Themas mentale Probleme und psychische Krankheiten zu unterstreichen.

Dass nun von alledem auf den zwölf neuen Songs überraschend wenig zu hören ist, hat im Wesentlichen einen handfesten Grund. Nennen wir ihn Jameela Jamil: Der heute 30-jährige Sänger und Produzent, der sich auf seinen drei bisher erschienenen Alben "James Blake" (2011), "Overgrown" (2013) und "The Colour In Anything" (2016) zwischen dem Erbe der Londoner Bassmusik Dubstep, klassischen Soul-Beigaben und Überresten an Gospel mit reichlich Hall als verzagter, dem Leid an der Welt verschriebener Feingeist präsentierte, hat sein privates Glück mit seiner aus Funk, Fernsehen und Instagram bekannten Landsfrau gefunden.

Etwas Zweifel an diesem ungewohnten Zustand der Leichtigkeit, der auch mit Hormonausschüttung zu tun hat, ist zwar am Anfang des Albums durchaus gegeben: "When you touch me / I wonder what you want from me". Spätestens bei "Can‘t Believe The Way We Flow", der musikalischen Darstellung einer Ankunft im siebten Himmel über ein modernistisch behübschtes Motown-Sample, sowie der zärtelnden Durchhalte-, Überwindungs- und Selbstermächtigungshymne "Power On", die mit dem harten Satz "I thought I might be better off dead / but I was wrong" eröffnet, erlebt man allerdings einen Künstler, der das Licht hörbar gefangen hat - und jetzt die Liebe entdeckt. Mit "I’ll Come Too", das man sich im Kern als "Good old Hollywood is dying"-Ballade im Frank-Sinatra-Stil vorstellen muss, die mit einem Beat aus dem Laptop unterlegt wurde, ist immerhin auch eine Standortbestimmung als Celebrity-Couple auf Standortsuche zu hören: "Oh, you’re going to New York? / I’m going there / Why don’t I come with you / Oh, you’ve changed to L.A.? / I’m going there, I can go there too."

Grenzen im Nebel

Dass die größte Kunst oft aus dem Schmerz geboren wird, erklärt der glückliche Herr Blake zwischendurch leider auch. Vor allem ein Duett mit der spanischen Newcomerin Rosalía entpuppt sich als schale Schmonzette, die zumindest im Refrain etwas unfreiwillig Komisches hat: "Barefoot in the park / You start rubbing off on me."

Interessant wird es dort, wo James Blake seine Erfahrungen als Kollaborationspartner im marktbeherrschenden Hip-Hop-Genre mit Gästen auf sein eigenes Album zurückholt und bei "Mile High" mit Travis Scott & Metro Boomin zu einem Trap-Beat in den Seilen hängt - oder, unterstützt von André 3000, im eklektizistischen Schelmenstück "Where’s The Catch?" sämtliche Grenzen zwischen Jazz, Hip-Hop und Elektronik virtuos in den Nebel taucht.

Am Ende geht zu ergriffenen Stoßseufzern nach Art eines Kärntner Männergesangsvereins das Licht aber noch einmal an. James Blake bleibt solidarisch mit seinem schlaflosen Baby auf und ringt sich noch ein Wiegenlied ab. Liebe ist sehr schön, wenn sie nicht wehtut.